Top 5 – Die besten Filme 2016

Wo viel Schatten ist, ist – manchmal – starkes Licht. So auch im inzwischen vergangenen Jahr. Nach meiner Flop 5 der schlechtesten folgen hier die fünf besten Filme im Kinojahr 2016:

 

5. The Big Short

Kaum jemand wird das Kino verlassen und sagen: „Jetzt habe ich die Finanzkrise verstanden.“ Und zum Glück ist The Big Short auch nicht allzu viel daran gelegen, dem Publikum die komplexen Zusammenhänge bis ins Detail begreiflich zu machen. Die vierte Wand wird zwar immer wieder durchbrochen, damit attraktive Prominente, wie Margot Robbie in der Badewanne, Fachvokabular übersetzen können, doch diese kurzen Brüche dienen eher der Seduktion denn der Explikation. Gelehrte Zitate werden eingeblendet, manchmal stammen sie aber von „irgendeinem Typen in der Bar“. Geschickt destabilisiert der Film so die Verbindung von bekannten Gesichtern und Namen mit Deutungshoheit und Wahrheitsanspruch. „Got it? Good. Now, fuck off!“, beendet Robbie ihre süffisante Erläuterung. Es sind nicht so sehr die Banken, über die sich der großartige Cast lustig macht. Es sind diejenigen, die vor der Leinwand sitzen und an die Bedeutungsschwere eines Zitats glauben, wenn nur ein wichtiger Name darunter steht oder es aus dem richtigen Mund kommt. Insofern ist The Big Short nicht nur herrlich dynamisches Finanzkrisenkino, sondern auch ein großartiger Kommentar auf das, was aktuell als ‚Postfaktizität‘ beklagt wird.

 

4. Raum

Die Flucht von Natascha Kampusch war 2016 genau 10 Jahre her. In Erinnerung bleibt der entsetzliche Fall bis heute. Und so braucht Raum auch nicht mit ‚Nach einer wahren Begebenheit‘ zu werben, um die Geschichte einer Gefangenschaft von Mutter und Sohn beängstigend und beklemmend zu erzählen. Wird in der ersten Hälfte das beengte Leben der beiden in bedrohlicher Intensität verfolgt, darf man nach der Flucht nur kurz aufatmen: Das Happy End hat nur als trügerische Hoffnung einen Gastauftritt und muss die Bühne gleich wieder verlassen. Was heißt Freiheit? Ist die Familie schon befreit, wenn sie aus dem Gartenhäuschen entkommt? Der Film liefert eine pessimistische Antwort und verunsichert das bekannte Narrativ vom Befreiungsschlag. Mutter und Sohn müssen vielmehr einen Befreiungskampf ausfechten, der so schnell nicht zu einem Ende kommt. Die gewaltsame, physische Freiheitsberaubung ist hier nur eine unter mehreren Möglichkeit, eingesperrt zu sein. Erst diese Frage nach dem Danach der Flucht macht Raum zu einem der großen Kinomomente 2016.

 

3. The Neon Demon

„Ein Film, der viel aussagen will, aber doch nichts aussagt“ sei The Neon Demon. So oder so ähnlich las es sich häufig in den Flop-Listen am Jahresende. Aber stellen wir die ‚Aussage‘ zunächst zurück, drängt sich doch zuallererst der beeindruckende audiovisuelle Stil auf, dessen exakte Ausarbeitung für Nicolas Winding Refn seit Valhalla Rising im Fokus zu stehen scheint. Ein faszinierendes Spiel mit Kontrasten, Farben und Beleuchtung, mit der gewaltigen Musik, wunderbaren Darstellerinnen und nicht zuletzt mit den Erwartungen des Publikums selbst dürfen wir da erleben und es wird diejenigen, die sich darauf einlassen, regelrecht an die Leinwand fesseln. Gleichzeitig berauscht und enttäuscht ist man dann, wenn dieser Rausch nach knapp zwei Stunden schon zu Ende geht. „Schönheit“ lautet die Überschrift und es ist die Schönheit kinematographischer Bilder, die Refn ins Kino bringt. In jedem davon nach einer verborgenen Bedeutung oder einem Symbolismus zu forschen, läuft dem stilistischen Ansatz zuwider. Wer im Film nach einfachen Antworten, ausgesprochenen Wahrheiten oder schnellen Lösungen sucht, wird mit The Neon Demon nicht glücklich. Gleichwohl sind diese Bilder keineswegs bedeutungslos. Refn allerdings verweigert die „Aussage“ und zelebriert die Aufführung. Erst unter dieser Prämisse wird die bedrohliche Kraft und Relevanz dieses ästhetischen Meisterwerks sicht-, hör- und fühlbar.

 

2. Der Wert des Menschen

Wie macht man einen Film über Armut und Arbeitslosigkeit? Man kann, wie Chaplin, großartige Tragikomödien drehen und so einem Elendsvoyeurismus entgehen. Man kann die Thematik aber auch in schöne Hollywoodbilder und Ausnahmegeschichten verpacken, wie in Das Streben nach Glück, sodass sich das Publikum bloß nicht damit auseinandersetzen muss. Man kann aber auch einen schonungslosen, schmerzhaften Realismus wählen und die Zuschauerin vor den Kopf stoßen. Meisterlich gelingt das Stéphane Brizé mit La loi du marché, so der Originaltitel. Ich würde gern schreiben: Die Szenen bei der Arbeitsagentur, bei der Verfolgung von Supermarktdiebstählen, beim Verkauf eines winzigen Strandhauses lassen niemanden kalt. Leider war ich der einzige im Saal, weshalb ich das nicht beurteilen kann. Doch auch das ist bezeichnend: Wer will schon einen gealterten Arbeitslosen in seiner tristen Alltagsroutine sehen? Leider verdrängen wir diese Bilder zu oft, Armut verunsichert und ist als solche nicht unterhaltsam anzuschauen. Aber das Kino hat eben auch das Potenzial, uns über diese wunden, aber blinden Stellen der Gesellschaft stolpern zu lassen – und wer bei Der Wert des Menschen einmal hinsieht, kann nicht mehr wegsehen. Zu bedrückend ist es, wenn dem Protagonisten Thierry eine Sterbeversicherung vorgeschlagen wird, um wenigsten seinen Lieben von Nutzen sein zu können, wenn er sich bei einer Umschulungsmaßnahme präsentieren muss, um dann nur belächelt zu werden, wenn er als Sicherheitsmann in einem Supermarkt den Gesetzen des Marktes folgend eine Kollegin für das Horten von Rabattmarken ans Messer liefern soll. La loi du marché kämpft an gegen die stereotype Rede vom faulen Arbeitslosen, vom Sozialschmarotzer, von demjenigen, der nur dem Steuerzahler auf der Tasche liegt. Es ist der Accattone des frühen 21. Jahrhunderts und vielleicht der wichtigste Film des Jahres.

 

1. Toni Erdmann

Einer überstrahlte in diesem Jahr jedoch alle anderen: Toni Erdmann. Mögen sich an anderen Filme dieser Liste, vor allem an The Neon Demon, die Geister scheiden – bei Maren Ades Meisterwerk waren sich alle einig. Es ist nicht nur das umwerfende Schauspiel von Peter Simonischek und Sandra Hüller. Vor allem der beeindruckende Rhythmus, der unheimlich präzise Blick auf zwischenmenschliche Situationen und die fabelhafte Verschmelzung von Tragischem und Komischem, von charmantem Witz und eindringlicher Melancholie zeichnen Toni Erdmann als besten Film des Jahres aus. Winfried Conradi alias Toni Erdmann ist ein Saboteur. Durch die Strategien des Doppelgängertums und der Mimikry schleicht er sich in die sterile Businesswelt seiner karriereorientierten Tochter ein und bleibt darin doch immer fremd und sperrig. In seiner groben Unkenntnis der Zeichen und Codes des Milieus, in das er sich begibt, subvertiert er die Sprache der Meetings und Konferenzen, der Außentermine und der ‚lockeren‘ Anlässe. Und jenseits dieser raffinierten Desavouierung findet sich eine großartige, zutiefst berührende Vater-Tochter-Geschichte, die lange nachwirkt. Hoffen wir, dass auch Toni Erdmann in der Filmwelt noch lange nachwirkt.

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