Ein Plädoyer für unfaire Filmkritik

Antje Wessels ist eine professionelle Filmkritikerin. Professionell, das heißt: Filmkritik ist ihr Beruf. Deshalb fühlt sie sich besonders qualifiziert dazu, eine gegenwärtige Krise der Kritik und des Kinos zu beschwören und zu analysieren. Sie holt aus zu einem Rundumschlag gegen all diejenigen Vertreter der Zunft, deren Schreiben nur dazu diene, „sich selbst zu profilieren“, oder die „lediglich beweisen möchte[n], wie anspruchsvoll [ihr] eigener Filmgeschmack ist“. Ihr Plädoyer: Filmkritik muss fair sein. Und Fairness bedeutet für Antje Wessels, objektiv zu urteilen und dem Publikum gerecht zu werden, anstatt nur Verrisse als Ventil für den Frust über das eigene Versagen im Leben zu schreiben und den Machern damit das Leben schwer zu machen. Mit dieser äußerst interessanten Position möchte ich mich im Folgenden in Form einer kleinen Stellenlektüre beschäftigen, denn Antje Wessels schreibt auch, dass sie „für jede Form der konstruktiven Kritik dankbar“ sei, schließlich sei „kein anderer Berufsstand so unfähig darin, mit Kritik umzugehen, wie derjenige, der sein Geld damit verdient, andere zu kritisieren.“ Ich spare dabei den langen ersten Part über ihren Werdegang und die griesgrämigen Kollegen aus und beginne gleich mit ihrer Theorie der Filmkritik. Ich bitte darüber hinaus um Verzeihung, dass ich der Forderung eines konstruktiven Feedbacks ohne polemische und ironische Spitzen nicht nachkommen kann, da mein Begriff von Kritik ein anderer ist, wie sich noch zeigen wird.

 Filmkritiken sollten im Idealfall als Atlas für all jene Zuschauer fungieren, die mit dem Gedanken spielen, ins Kino zu gehen.

Es geht Antje Wessels auch um die ökonomische Frage: Kino ist teuer. Wir leben in Zeiten, „in denen es sich ein Normalverdiener mehrmals überlegt, ob er bis zu 14,50€ für einen Film (Multiplexpreis für eine Wochenendvorstellung für einen 3D-Film mit Überlänge) ausgeben soll“. Kritik ist demnach dazu da, eine Kaufempfehlung zu leisten, eventuell Schnäppchen zu bewerben oder auf die Must-Haves und die Essentials der Saison aufmerksam zu machen. Die Schwierigkeit mit diesem Axiom ist nicht, dass die Kritik so zur Dienstleistung verkommt, wie oft in Untergangsgesängen zu hören ist. Ich reagiere selbst gern auf die Empfehlungen und Warnungen meiner favorisierten Kritiker. Vielmehr störe ich mich an der Engstirnigkeit dieser Position, die neben der beratenden Funktion keine andere zulässt. Dass es eine lange Geschichte der Kritik und verschiedene Traditionen gibt, die größtenteils ganz andere Ansprüche stellen, und deren Berücksichtigung es erlauben würde, multiperspektivisch zu urteilen, wird ignoriert. Deshalb kann Antje Wessels den Erfolg (oder das Scheitern) eines Films am Publikum auch so selbstverständlich als Indikator für berechtige (oder unberechtigte) Kritik heranziehen. Mit Bezug auf Meine Frau, die Spartaner und ich und weitere Gurken heißt es:

All diese Produktionen förderten ein nahezu ausschließlich negatives Kritikerfeedback zutage, was sich aufgrund der nicht minder großen Zuschauerschelte allerdings auch als durchaus gerechtfertigt erwies.

Also ist nicht nur der Erfolg oder Misserfolg von Filmen ein marktwirtschaftliches Phänomen, sondern auch der Wert einer Filmkritik lässt sich anhand der Nachfrage nach dem kritisierten Gegenstand bemessen. Demnach müsste The Neon Demon tatsächlich übler Murks sein – und Qualitätskritiken wie die in der Variety sollten recht behalten. Blockbuster wie Avatar wären hingegen über jeden Zweifel erhaben. Man muss nicht zu einer Verachtung der Massen gelangen, wenn man dieser Position widerspricht. Goethe zu loben ist sicher nicht falsch, nur weil Kotzebue zeitlebens erfolgreicher war. Standardwerke der Filmgeschichte interessieren sich oft mehr für Rainer Werner Fassbinder als für Winnetou und den Schulmädchenreport, obgleich diese die Kinokassen beherrschten. Insofern könnte man auch gegenteilig argumentieren und behaupten: Die Kanonisierung gibt dem Kritiker recht. Ich halte beides für unangebracht. Ein guter Filmkritiker – ob professionell oder nicht ist dabei einerlei – darf keine Dichotomie zwischen Erfolg und Qualität aufmachen, aber ebenso wenig das eine aus dem anderen erklären wollen. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass ein Urteil über Kunst keine Rücksicht nehmen darf auf den finanziellen Erfolg, der – auch das unterschlägt Antje Wessels – ja nicht zuletzt von Marketing und anderen externen Faktoren (Fußball-EM, Sommerloch, …) beeinflusst wird.

Weiter heißt es über das Scheitern von einigen Filmen: „Hier wurde trotz nicht geringer finanzieller Mittel und dem Potenzial für mehr vollkommen am Publikum vorbeiinszeniert.“ Kunst müsse also dem Publikum entsprechen, dem Zuschauer das liefern, was er sehen möchte. Das mag ein Teil der Formel für eine erfolgreiche Filmproduktion sein, nicht aber für eine gute. Gerade Filme, die das Publikum vor den Kopf stoßen, es aber damit zugleich viel mehr ernstnehmen als bloß aus Profitgier zusammengeschraubte (erfolgreiche) Katastrophen wie Fack ju Göhte 2, sollten von der Kritik die gebührende Wertschätzung erfahren. Zu nennen sind etwa Funny Games, Irreversible oder jüngst der bereits genannte The Neon Demon. Filme, die ästhetische oder politische Grenzen ausloten, neu durchdenken oder überwinden, finden beim Publikum oft keinen Anklang oder werden diesem schon in vorauseilendem Gehorsam gleich gar nicht erst gezeigt.

Damit ist bereits impliziert, wie ich zu Antje Wessels’ Vorstellung einer objektiven Kritik stehe. Sie belegt ihre eigene Objektivität mit einem Verweis auf ihre Anerkennung für die Herr der Ringe-Verfilmungen bei gleichzeitigem Desinteresse für das Fantasy-Genre. Es klingt wie ein zähneknirschendes Zustimmen zum Gros der Kritiker und Zuschauer, denn: „Mein persönlicher Filmgeschmack hat in einer Pressevorführung nichts zu suchen.“ Stattdessen geht es um Einfühlungsvermögen:

Es bedarf zwar der Kunstfertigkeit, sich in die Erwartungen der unterschiedlichen Zielgruppen hineinzuversetzen, trotzdem ist die vollkommen unabhängige Berichterstattung mit ein wenig Fingerspitzengefühl möglich.

Worin sich nun dieses „Fingerspitzengefühl“ zeigt und wie man es erwirbt (schließlich ist sie eine „[G]elernte“), bleibt völlig unklar. Der große Trick scheint allein darin zu bestehen, sich in „Zielgruppen hineinzuversetzen“. So wird aus der ökonomischen Argumentation nun eine elitäre und überhebliche. Wenn man annimmt, dass Filmkritik durch das Hineinversetzen in mögliche Zuschauer objektiv, das heißt allgemeingültig und wahr, wird, setzt man die eigenen Vermutungen über das Publikum mit diesem gleich und beansprucht für sich, dieses repräsentieren zu können. Dass der Kritiker aber nichtsdestoweniger keine andere Stimme hat als die eigene, vergisst Antje Wessels. Tatsächlich liegt im Anerkennen der Tatsache, dass die eigene Kritik stets auf nichts anderem als auf der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Erfahrungen und dem eigenen Weltverständnis fußt, die wahre Bescheidenheit und der wahre „Respekt vor der Leidenschaft“. Damit möchte ich freilich nicht diejenigen Kritiken retten, die Filme aus kindischen Antipathien gegenüber Schauspielern, Genres oder dergleichen verreißen, sondern darauf hinweisen, dass eine gute Kritik – und diesen Ausdruck möchte ich dem der objektiven und fairen Kritik entgegenstellen – nicht von irgendeinem Verhältnis des Kritikers zur spekulativen Menge des Publikums abhängt, sondern von der Begründung des Urteils, der Argumentation. Kritik ist keine Suche nach der ewigen Wahrheit, sondern findet immer im Diskurs statt.

Antje Wessels fordert aber nicht nur mehr Objektivität, sondern auch eine Mäßigung. Die Kritiker sollten jedes Werk schon dafür wertschätzen, dass es da ist, denn „[n]iemand macht es sich zum Ziel, einen schlechten Film zu machen“. Beim Urteil müsse man daher die Seidenhandschuhe anziehen, um niemandem weh zu tun, und sich darum bemühen, auch noch im grauenvollsten Schund einen Funken Hoffnung zu entdecken. Dafür werden vor allem zwei Gründe genannt: Zum einen ist den Machern Respekt für ihren Arbeitsaufwand zu zollen, zum anderen müssen Kritiker, Kino und Produzenten in diesen finsteren Tagen der Krise zusammenhalten:

In Zeiten, in denen die Kinozahlen Jahr für Jahr weiter sinken, in welchen sich das Ansehen und Downloaden von Raubkopien als eine für die Filmindustrie immer schädlicher werdende Selbstverständlichkeit erweist“. Die Folge daraus: „Filmkritik darf nie schädlich sein. Weder für die Kinos selbst, noch für die Filmschaffenden.

Zunächst ist es falsch, dass die Besucherzahlen der Kinos jährlich sinken. Erst im vergangenen Jahr erlebte das deutsche Kino im Vergleich zum Vorjahr einen Aufschwung. Unnötig zu erwähnen ist auch, dass 19 der 20 hinsichtlich des Einspielergebnisses erfolgreichsten Filme weltweit in diesem Jahrhundert gedreht wurden. Falls es eine Krise des Kinos gibt, müsste man sie also weniger an den Kinokassen als vielmehr in den Kinosälen suchen. Dass die Hauptbedrohung der Filmindustrie illegale Downloads sind, möchte ich mit Blick auf günstiges Video-on-Demand bei Netflix und Amazon bezweifeln. Jedenfalls habe ich seit Langem keine dieser wunderbaren Werbungen gegen Produktpiraterie mehr auf neuen DVD-Veröffentlichungen gesehen („You don’t steal a car …“). Da mir hierzu allerdings keine Statistiken bekannt sind, kann ich auch falsch liegen. Die Annahme hingegen, dass doch keiner mit Absicht schlechte Filme dreht, mag zutreffen. Es kann aber doch nicht der gute Wille des Regisseurs oder Produzenten für die Beurteilung des Ergebnisses maßgeblich sein. Der Kunstbetrieb braucht keine Rezensionen im Stile einer Teilnehmerurkunde, die verhindern sollen, dass den zarten Pflänzchen von Filmschaffenden bei der Lektüre des Feuilletons vor Schreck das Coq au vin im Hals stecken bleibt. Stimmt man Siegfried Kracauers These, dass der Filmkritiker nur als Gesellschaftskritiker denkbar ist, zu – und das tue ich –, kann Schonkost sogar gefährlich sein. Kritik wird umgangssprachlich nicht zufällig als Gegenteil von Lob gebraucht, denn Kritik heißt eben auch Widerspruch. Und wirkungsvoller Widerspruch muss polemisch, ironisch, bissig gehalten werden, um nicht nur ‚konstruktives Feedback’ zu sein, was es ja gar nicht sein kann, da der Kritiker doch keine Ahnung von der Craft hat, wie sinngemäß noch zu lesen ist.

Antje Wessels zitiert in diesem Zusammenhang die Serie Castle: „Wer nicht schauspielern kann, wird Schauspiellehrer. Und wer noch nicht einmal lehren kann, der wird Kritiker.“ Der Rezensent soll gefälligst seine Zunge zügeln, denn er kann es ja selbst nicht besser. Dass die Kritiker im Folgenden als gescheiterte Existenzen, die nur aus Frustration Übles reden würden, verunglimpft werden, setzt der ganzen Selbstdämonisierung „eine unangenehme Krone auf.“ In Erwägung gezogen wird leider nicht, dass zu einem Urteil über ein Werk die Kenntnis vieler anderer Werke, verschiedener Theorien und je nach Ansatz das Wissen um unterschiedliche weitere Faktoren und Begriffe zweckmäßiger ist als ‚es mal selbst probiert zu haben’. Antje Wessels stimmt damit in die unsägliche Kritikerschelte Til Schweigers ein, der dann auch noch – und das passt ins Bild – als Gewährsmann genannt wird:

Wenn es mit der eigenen Karriere nicht geklappt hat, pöble ich wenigstens die Karrieren jener Menschen in Grund und Boden, die das geschafft haben, wovon ich träume. Das ist nicht bloß ein Eingeständnis der eigenen, beschränkten Weltsicht, sondern schadet obendrein dem Ruf jener wenigen Kritiker, die ihren Beruf noch mit Leidenschaft und Hingabe erledigen und die tatsächlich auch davon leben müssen. Das weiß auch Til Schweiger, der sich berechtigterweise irgendwann nicht mehr dem Stress der beschränkt denkenden Journaille aussetzen wollte und auf Pressevorführungen seiner Filme vorab verzichtet.

Schweigers vehemente ‚Kritik’ an der Kritik hätte ich eher als die Reaktion einer beleidigten Leberwurst eingeschätzt, die nicht nur erfolgreiche, sondern unbedingt künstlerisch wertvolle Filme produzieren will, was ihm die „beschränkt denkende Journaille“ nicht zugesteht. Wie bereits erläutert, gibt es die Möglichkeit einer Diskrepanz zwischen Erfolg und Qualität für Antje Wessels ja nicht, weshalb ihre Schweiger-Interpretation für sie sehr gut aufgeht. Für die Wehleidigkeit mancher ‚Künstler’ kann der Kritiker aber nichts. Als Person des öffentlichen Lebens muss man nicht nur mit Kritik rechnen, sondern sie auch zulassen. Andernfalls müsste man konsequent sein und Trump-Karikaturen und Erdogan-Lieder aufgrund mangelnder Fairness verwerfen. Dass es dabei Grenzen des guten Geschmacks gibt, ist klar. Der Gesetzgeber macht schon einen Unterschied etwa zwischen Beleidigung, Schmähkritik und freier Meinungsäußerung. Es kommt zum Glück jedoch selten vor, dass der Kritiker selbst verlangt, diese Grenzen noch enger anzusetzen. Die Forderung einer strengeren Selbstzensur, die Antje Wessels hinter Ausdrücken wie „Respekt“ oder „Fairness“, letztlich hinter einer bürgerlichen Maßethik verbirgt, ist bedenklich. Ob es außerdem so fair und objektiv ist, einerseits auf zu scharfe Kritik zu verzichten, andererseits aber nicht ebenso restriktiv mit überschwänglichem Lob umzugehen, sei dahingestellt.

Siegfried Kracauer, François Truffaut und Marcel Reich-Ranicki, um nur einige zu nennen, hätten wohl kaum denselben Einfluss, wenn sie ihre Verrisse als Feedback-Burger serviert hätten. Ihr Beispiel steht auch der Behauptung entgegen, die Filmkritik würde sich ihren Ruf durch vermeintlich unfaire Texte verderben. Kritik lebt vielmehr von Kontroversen, leidenschaftlichen Debatten und rücksichtlosem Widerspruch. Daher lautet mein Appell: Filmkritik muss wieder unfairer werden!

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11 Gedanken zu “Ein Plädoyer für unfaire Filmkritik

  1. Ich muss deinem Gegen-Plädoyer, fürchte ich, leider widersprechen. Du schreibst zwar ausführlich und handwerklich gut, scheinst aber das von dir kritisierte Plädoyer so gar nicht verstanden zu haben. Liest man nur deinen Artikel, so würde man denken, Wessels schreibt: „Filme, die floppen, sind mies“. Diese Aussage finde ich bei ihr nicht – das von dir als Beleg gewählte Zitat setzt du in einen völlig falschen Kontext, bei Wessels dienen doch diese Seltzer/Friedber-Mistparodien als Beleg: „Es gibt Filme, die so mies sind, dass das Kritiker und Zuschauer gleichermaßen erkennen“ ..?

    Kracauer, Truffaut und Reich-Ranicki waren zwar laute Kritiker, aber Kritiker, die dennoch über ihre Sicht eines Werkes gesprochen haben. Und nicht unentwegt über sich selbst. Sie als Gegenbelege zu Wessels‘ These „Kritiken, die nur vom Autor handeln, interessieren den Filmfreund doch nicht“ ist daher auch gewagt. Stimme dir nur zu, dass Schweigers dünne Haut sein Problem ist, nicht dass der Kritiker.

    Zudem verstehe ich deine Betitelung nicht. Du argumentierst, wenn du das andere Plädoyer nicht gerade missverstehst, für einen Blick aufs Werk, für gut geschriebene Rückmeldungen. Wieso betitelst du es aber als Plädoyer für unfaire Filmkritik? Nur, um deinen Beitrag als Antithese zu Wessels‘ zu markieren? Damit verkaufst du dich doch unter Wert. Bei ihr wird „unfair“ doch als vorurteilsbelastet gedeutet – und dafür stehst du ja auch nicht ein?

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    1. Lieber Filmfreund69,

      vielen Dank für Deine Rückmeldung und das Lob – es freut mich, dass Dir mein Text formal zugesagt hat. Einige der von Dir angesprochenen Punkte hat auch Antje in Ihrer Antwort angesprochen – in der entsprechenden Rückantwort meinerseits findest Du hierzu eine Erklärung. Ich gehe daher nur auf die zusätzlichen Aspekte ein:
      Für die These, dass Kritiker nicht über sich, sondern über den Film sprechen sollten, stehe ich sogar mehr ein als Antje, da ich darauf bestehe, sich stets bewusst zu sein, dass „Zielgruppen“ und der „normale“ Kinobesucher immer nur hypothetische Mengen sind, die wesentlich ein eigenes Produkt sind, anstatt diese als Beleg für die Objektivität der eigenen Position zu nutzen. Ich behaupte dementsprechend auch nicht, dass die von mir genannten Kritikergrößen nur über sich sprechen würden. Sie sind jedoch Gegenbeispiele zur Auffassung von „fairer“ Kritik, die im Stile einer Teilnehmerurkunde oder eines Zweite-Chance-Loszettels daherkommt.
      In meinem Text ist mir daran gelegen, genau herauszuarbeiten, wie sich der Begriff von „fairer Filmkritik“ konstituiert. Dabei ist eben nicht die Rede von gut argumentierten, werkimmanenten – und auf die Immanenz bestehe ich nicht einmal – Betrachtungen, sondern von eine „Objektivität“, eines „Hineinversetzens“ und einer Selbstbeschränkung, die über bloße Beleidigungen weit hinausgeht, wie die bebilderten Beispiele in Antjes Plädoyer zeigen. Mein Begriff einer unfairen Kritik richtet sich daher explizit gegen die gesamte, hier vorgestellte Auffassung von Kritik, und ist freilich auch sehr zugespitzt. Ja, es ging mir damit um eindeutige Abgrenzung – damit performiere ich bereits, was ich im Text dann als Anspruch an die Kritik formuliere.

      Herzliche Grüße,
      Andreas

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  2. Zunächst einmal muss ich angesichts des Willens, zumindest Interesse an einer konstruktiven Auseinandersetzung vorzutäuschen, einhergehend mit dem damit verbundenen Arbeitsaufwand, extra einen eigenen Blogartikel zu verfassen, meinen Hut ziehen. Und das, wo die Diskussion doch bereits vor Monaten schon einmal auf dem Level war, dass ein anderer Leser so engagiert war und eine „Gegendarstellung“ zu meinem Plädoyer, das übrigens lediglich meine an mich selbst gestellten Ansprüche und keinen Gesetzentwurf oder dergleichen darstellt, zu verfassen. Und da ich es so meine, wenn ich sage, dass ich mich über konstruktive (!) Kritik freue, sehe ich es als meine Pflicht an, mich ebenso konstruktiv zu Deinem Beitrag zu äußern.

    Mir fällt auf, dass Du Dir bei der Ausarbeitung Deines Artikels sehr viel Mühe gegeben hast. Selbiges scheint für das dem voraus gehende Lesen meines Artikels nicht zu gelten. Denn wenngleich ich loben muss, dass ich nicht den Eindruck habe, Du würdest von mir dargestellte Äußerungen bewusst verdrehen, muss ich doch ein wenig an Deiner Lesekompetenz zweifeln, denn einige Dinge, die Du schreibst, gehen auf Punkte ein, die ich in meinem Plädoyer definitiv nicht sage.

    Der von Dir zusammengefasste, erste Absatz meines Plädoyers stimmt soweit. Dass ich obendrein auch einen Abriss meines Werdegangs hinzugefügt habe, kommt daher, dass das hier ein privater Blog ist. Wenn ich allgemein gültige Aussagen treffe, die ich als meinen, an mich persönlichen gelegten Arbeitsanspruch verstehe, haben die (möglicherweise nicht mit der Materie vertrauten) Leser ein Recht darauf, die wichtigsten Hintergründe zu mir und meinem Schaffen zu erfahren. Wie Du in den Kommentaren vor Deinem lesen kannst, kam an einer Stelle gar die Frage auf, woran ich fest mache, dass ich mich durchaus als „professionell“ bezeichnen kann. Derartige Ausführungen dienen also zur besseren Einordnung meiner geistigen Ergüsse.

    Du beginnst Deinen zweiten Absatz mit folgender Aussage:

    „Es geht Antje Wessels auch um die ökonomische Frage: Kino ist teuer. Wir leben in Zeiten, „in denen es sich ein Normalverdiener mehrmals überlegt, ob er bis zu 14,50€ für einen Film (Multiplexpreis für eine Wochenendvorstellung für einen 3D-Film mit Überlänge) ausgeben soll“. Kritik ist demnach dazu da, eine Kaufempfehlung zu leisten, eventuell Schnäppchen zu bewerben oder auf die Must-Haves und die Essentials der Saison aufmerksam zu machen. “

    Daraus schließe ich, es geht mir – so neu mir das ist – um einen Werbedienst. Nein, das tut es nicht. Aber worum es mir geht, ist ein Dienst am Kunden. In diesem Fall: am Zuschauer. Für mich (und ich betone hier noch einmal: für MICH – das hier ist der AN MICH SELBST gestellte Arbeitsanspruch) ist Filmkritik, so wie ich sie betreibe, in Teilen tatsächlich eine Form von Dienstleistung. Und wenn ich von meinem Beruf leben möchte, muss ich diese Einstellung auch haben. Wenn ich keine Leser habe, bekomme ich keine Aufträge mehr. Und um möglichst viele Leser zu haben, muss ich mir eine möglichst große Gruppe aussuchen, die als Zielgruppe infrage kommt. In diesem Fall sind das – anders als Du oder ein Teil anderer Kritiker es sehen mögen – ganz normale Kinozuschauer. Und die wollen eben wissen, was sie für ihr Geld (um wieder auf den Beginn des Zitats zurückzukommen) bekommen, wenn sie sich entscheiden, ein Kinoticket zu lösen. Dass Du Dich an dieser Auffassung störst: geschenkt. Dafür sind unterschiedliche Meinungen da und ich versuche hier zu erklären, weshalb ich zu meiner gekommen bin, anstatt einfach zu sagen: Ich hab halt diese Meinung und damit Schluss. Dass Du damit automatisch eine Engstirnigkeit verbindest, zeigt in meinen Augen eine Engstirnigkeit Deinerseits: Wieso kann eine auf den „normalen Kinogänger“ zugeschnittene Kritik nicht zeitgleich auch mit einer Kritik des Films an sich einhergehen muss? Weshalb kann – in Deinen Augen – eine Kritik nicht gleichzeitig beratend („Dir könnte der Film gefallen, wenn Du XYZ magst“), aber auch kritisch („Lass lieber die Finger davon, der Film hat folgende Schwächen…“) sein?

    Die von Dir getätigte Aussage darüber, ich würde die Zuschauerzahlen als Indikator für Qualität bezeichnen, ist – mit Verlaub – grober Unfug. Ich bin tatsächlich sehr gespannt, worin Du diese Aussage meinerseits zu finden glaubst. Das von Dir zurate gezogene Beispiel, „Meine Frau, die Spartaner und ich“ betreffend, bezieht sich einzig und allein auf meine Aussage, dass jeder Film eine Zielgruppe hat. Um gleichermaßen aber den eventuell daraus folgenden Schlusszug zu entkräften, dass man dann ja keinen Film kritisieren könne, habe ich bewusst Beispiele von Filmen herangezogen, die tatsächlich einheitlich und auf sämtlichen Ebenen durchfielen. Einfach als Beweis: „Selbst WENN es für alle Filme eine Zielgruppe gibt, bedeutet das noch lange nicht, dass Filmkritik unnütz ist. „Alles, was Du mir darauf folgend über die Unabhängigkeit von Qualität und Kassenerfolg „beibringst“, ist meiner Ansicht nach vollkommen unbegründet. Um das zu erkennen genügt übrigens eine kleine Umsicht über von mir verfasste Kritiken – amüsant, dass du als Beispiel auch noch den von mir hervorragend besprochenen „The Neon Demon“ wählst, während ein Film wie „Fack ju Göhte 2″ von mir sämtliche Mängel aufgezeigt bekommen hat, die der Film nun mal eben hat – Erfolg oder nicht spielt da überhaupt keine Rolle und ich kann mich nur noch einmal wiederholen: Welcher Aussage entnimmst Du genau, dass mir das nicht bekannt ist?

    Daher kann ich die von Dir getätigte Aussage “ Ein guter Filmkritiker – ob professionell oder nicht ist dabei einerlei – darf keine Dichotomie zwischen Erfolg und Qualität aufmachen, aber ebenso wenig das eine aus dem anderen erklären wollen. “ nur doppelt und dreifach unterstreichen – auch ich schüttele jedes Mal den Kopf, wenn mich eine entrüstete Lesermail erreicht, weil ich einen an den Kinokassen erfolgreichen Film aufgrund seiner Qualität nicht schätzen kann.

    Du hinterfragst den von mir gestellten Anspruch auf eine gewisse Fingerfertigkeit, was das Sich-Einfühlen in die verschiedenen Zielgruppen angeht. Überall, in absolut JEDEM beruflichen Sektor, gibt es Dinge, die man durch Arbeit, durch „Learning by Doing“, durch Mentoren und durch ein gewisses Gespür für die Materie, nach und nach erlernt. Meine Menschenkenntnis hat mir zum Beispiel direkt nach deinem „mir Folgen“ (und der anschließenden Durchsicht deiner Interessen, letzten Tweets etc.) bei Twitter gesagt, dass ich von Dir garantiert noch etwas zu hören bekommen werde, was dieses Plädoyer angeht. Witzig, nicht wahr?😉

    Spaß beiseite: Wer konstruktiv kritisiert, soll auch eine ebenso konstruktive Antwort erhalten.

    Ich bleibe weiterhin bei meiner Aussage, dass Fairness für mich bedeutet, nicht wahllos rumzupöbeln und persönlich beleidigend zu werden. Jeder Film (und das gilt auch für Menschen, mit denen ich in meinem Umfeld zu tun habe), hat einen gewissen Grundrespekt verdient. In meinen Kritiken werde ich daher niemals Worte wie „scheiße“, „beschissen“, „Arschloch“ etc. verwenden. DAS ist meine Definition von fair; wer aus meinem Text heraus liest, dass ich gegen negative Kritik bin, der muss sich meiner Ansicht nach schon viel Mühe geben, es so zu lesen. Erst recht, wo sich in meiner Arbeit doch negative wie positive Kritiken die Klinke in die Hand geben. Mir wurde einmal gesagt, Als Kritiker muss man vernichten können (das kam jetzt nicht von Dir, denke also nicht, ich würde Dir ein Zitat in den Mund legen!). Ich sage dazu ganz ehrlich: Derartige Kritik liegt mir nicht, denn da geht es in einen Bereich der Filmkritik, mit der ich – ehrlich gesagt – gar nicht unbedingt etwas zu tun haben möchte und auch nicht muss, weil ich meinen redaktionellen Arbeitsbereich gefunden habe, in dem ich meine Arbeit, glaube ich, ganz gut mache und in dem ich gutes Geld verdiene. Es steht jedem frei, der sich von seinen Filmkritiken mehr erhofft, als einen dem potenziellen Zuschauer zuträglichen Text, selbst Kritiken zu schreiben und sich das Handwerk anzueignen, oder sich – ganz einfach – seine Lieblingskritiker zu suchen, auf deren Meinung er vertraut. Du sagst ja selbst, dass auch Du deine Kritiker hast, deren Empfehlungen du vertraust und wenn Dir deren Art von Filmkritik mehr zusagt, als meine, dann ist das Dein gutes Recht ebenso wie das diverser anderer Filmfreunde. Wenn du allerdings tatsächlich „unfaire Filmkritik“ bevorzugst und sie so verstehst, wie ich („Mehr Pöbeln, weniger Sachlichkeit“), wovon ich allerdings nicht ausgehe, dann bin ich, ehrlich gesagt, schon ganz froh, so Jemanden wie Dich nicht als Stammleser zu haben.😉

    Meine Aussagen bezüglich einiger Kritiker (wohlgemerkt: einiger! Ich verweise ja extra darauf, dass ein Großteil der Kollegen einen hervorragenden Job macht), ist ein Abriss meiner Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren leider machen MUSSTE. Ich habe es sehr oft erleben müssen, dass gewisse Regisseure (um den Bogen zu dem Schweiger-Beispiel zu schließen), Franchises etc. bereits von vornherein verteufelt wurden. Ganz so, als hätte man die negative Kritik bereits vorab geschrieben und sucht nun nur noch nach Bestätigung. Dass das so IST, kann ich natürlich nicht sagen, da ich es nicht beweisen kann (daher tu ich es ja auch nicht). Aber mein Schweiger-Beispiel dient als Versinnbildlichung der Spitze dieses Eisberges, denn – wie ich schreibe – unter diesem Gesichtspunkt KÖNNTE ich es verstehen, wenn Schweiger so handelt (sollte es aus diesen Gründen sein, was ich ja ebenfalls in Frage stelle)

    Auch deinem finalen Absatz kann ich daher nur durchgehend zustimmen. Erneut möchte ich betonen, dass ich mich nirgendwo dafür ausspreche, negative Kritik zu verbannen. Ich stehe lediglich dafür ein, sachlich zu berichten. Und ich finde nicht, dass ich mir DAS zum Vorwurf machen muss.

    Beste Grüße
    Antje

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    1. Liebe Antje,

      vielen Dank für Deine rasche Antwort. Ich freue mich, dass auch Du Kritik offenbar als Diskurs verstehst und auf meine Einwände eingehst. Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass mein Text nicht als persönlicher Angriff oder als „Pöbeln“ zu verstehen ist, sondern Dein Plädoyer exemplarisch heranziehend ein – wie ich vermute – zeitgeistiges Verständnis von Kritik unter die Lupe nimmt, das man auch auf andere Kritiker und Bereiche übertragen kann. Auch richtet er sich nicht gegen Deine Filmkritiken, auf die ich mich an keiner Stelle beziehe.
      Ich habe weder an Deiner Professionalität gezweifelt noch die Ausführungen zu Deinem Werdegang bemängelt. Dass ich den „langen ersten Part“ ausspare, liegt allein an der Schwerpunktsetzung meines Beitrags (der Auffassung von Kritik). Selbstverständlich – und einige Leser haben das bemerkt – erkläre ich nicht nur, worin mein Begriff einer guten bzw. provokant formuliert: unfairen Kritik besteht, sondern zeige ihn zugleich performativ auf. Das bedeutet: Schon dieser Text ist keine „objektive“, „sachliche“ oder faire Kritik, sondern – und das verschweige ich auch nicht – teilweise ironisch, teilweise polemisch, immer zugespitzt, aber nie beleidigend. Ich gehe nun genau auf Deine Rückfragen und Erwiderungen ein und hoffe dadurch auch, meinen Beitrag verständlicher zu machen:

      Du fragst: „Dass Du damit automatisch eine Engstirnigkeit verbindest, zeigt in meinen Augen eine Engstirnigkeit Deinerseits: Wieso kann eine auf den „normalen Kinogänger“ zugeschnittene Kritik nicht zeitgleich auch mit einer Kritik des Films an sich einhergehen muss?“
      Indem Du vom „normalen Kinogänger“ in Anführungszeichen schreibst, legst Du bereits nahe, worauf ich in einem späteren Absatz hinaus wollte: Es gibt nicht den „normalen“ Kinozuschauer. Wenn Kritik sich also zum Vorsatz macht, einen „normalen Zuschauer“ zu bedienen, vergisst sie, dass diese Normalität eine selbstgemachte ist. Sie ist lediglich eine Spekulation, die wesentlich ein eigenes Produkt ist. Daher ist der Begriff der Objektivität, den Du ja dezidiert als ein Hineinversetzen in ein Zielpublikum definierst, anmaßend. Gleichzeitig, indem man eine solches „Norm“-Publikum konstruiert, scheinst Du Dich – Deinem Plädoyer, nicht Deinen Kritikern zufolge – davon abhängig zu machen, was dieses Konstrukt hören will. Ich möchte überhaupt nicht den Wert eines Nachdenkens über mögliche Gruppen, die einen Film bevorzugen könnten, bestreiten, sondern nur darauf hinweisen, dass ein solches mit dem Begriff „Objektivität“ sehr, sehr schlecht überschrieben ist, da es – wie nun hoffentlich deutlich geworden ist – alles andere ist als das.
      Weiter fragst Du: „Weshalb kann – in Deinen Augen – eine Kritik nicht gleichzeitig beratend („Dir könnte der Film gefallen, wenn Du XYZ magst“), aber auch kritisch („Lass lieber die Finger davon, der Film hat folgende Schwächen…“) sein?“ In meinen Augen kann sie das. Meine Kritik in diesem zweiten Absatz ist vielmehr dahingehend, dass Du einen bestimmten Ansatz an Kritik stellst – einem „normalen“ Publikum gerecht zu werden –, der dann auch nach als objektiv geadelt wird, Du aber völlig ausblendest, dass es viele verschiedene andere Ansätze gibt, die ebenso eine Berechtigung haben – und ebenso wenig objektiv sind wie der Deine.
      Deine Aussage, dass meine „Aussage darüber, ich würde die Zuschauerzahlen als Indikator für Qualität bezeichnen, […] – mit Verlaub – grober Unfug“ ist, ist – mit Verlaub – grober Unfug. Ich zitiere noch einmal, was ich in meinem Text schon zitiert habe: „All diese Produktionen förderten ein nahezu ausschließlich negatives Kritikerfeedback zutage, was sich aufgrund der nicht minder großen Zuschauerschelte allerdings auch als durchaus gerechtfertigt erwies.“ Ich behaupte nicht, dass Du den Erfolg von Filmen sofort mit ihrer Qualität gleichsetzt, sondern dass in diesem Zitat die Existenz bestimmter (in diesem Fall eben: negativer) Kritiken durch den Misserfolg des Films beim Publikum „gerechtfertigt“ wird. Das heißt – und ich denke nicht, dass man mir da mangelnde Lesekompetenz vorwerfen kann –, dass Kritiken, die mit dem Publikum nicht übereinstimmen, einer Rechtfertigung entbehren. Und ich betone noch einmal: Ich beziehe mich nicht auf Deine Kritiken, die mir bekannt sind, auch die zu The Neon Demon, sondern allein auf Dein Plädoyer, dass für sich steht, und – so verstehe ich das jedenfalls – nicht erst die Lektüre Deines Gesamtwerks voraussetzt. Wenn man diesen Gedanken, dass die Wertung in der Kritik von der Publikumsreaktion gerechtfertigt wird, weiterdenkt, kommt man notwendig zu dem Schluss, dass Erfolg und Misserfolg Indikatoren für Qualität sind. Ich unterstelle nicht, dass das Deine Auffassung ist – ich denke nicht, dass sie das ist –, aber das ist, was eine aufmerksame Lektüre dieses Zitates nahelegt.
      „Ich bleibe weiterhin bei meiner Aussage, dass Fairness für mich bedeutet, nicht wahllos rumzupöbeln und persönlich beleidigend zu werden.“ Wenn das tatsächlich die Definition von „Fairness“ wäre, die Du in Deinem Text anbietest, würde ich zustimmen – und ich denke auch, dass es dann nicht einmal diskutabel wäre. Gleichzeitig fände ich es dann noch weiter hergeholt, dass sich die Filmkritik aufgrund unfairer Kritik, das hieße dann: durch einige wenige Kritiker – wie Du schreibst –, die pöbeln und beleidigen, den Ruf verdorben hätte. Das erscheint nicht besonders plausibel. Aber das ist ja auch nicht alles, wofür Du Dich in Deinem Text aussprichst. Es geht da doch ebenso um „Objektivität“, „Hineinversetzen“, den angeblichen Neid mancher Kritiker, was ein wohlfeiles Argument und leider nicht mehr als Küchenpsychologie ist, eine vermeintliche Krise des Kinos, gegen die alle ankämpfen sollen, eine Krise der Kritik, die auch mit dem Anstieg von Internetrezensionen, zu denen die Deinen auch gehören, verbunden sei, und ein Ablehnen von harmlosen Kommentaren wie „Dieser Film ist nicht mehr zu ertragen“. Das alles ist mit „Faire Filmkritik“ überschrieben – nicht nur kein Pöbeln, mehr Sachlichkeit – und auf die meisten dieser Punkte bin ich in meinem Text eingegangen. Ich behaupte an keiner Stelle, dass Du negative Kritik gänzlich ablehnst, aber – und das belegt auch eben genanntes Zitat der WELT-Rezension – Du forderst schon eine Selbstbeschränkung, die über die nun von Dir vorgebrachten Schimpfwörter, die ohnehin indiskutabel sind, hinausgeht. Meine Kritik war diesen Punkt betreffend gegen eine Teilnehmerurkundenmentalität gerichtet, die in dem als positiv eingeschätzten Gegenbeispiel, der FILMSTARTS-Rezension, ein treffendes Bild bekommt. Daher verstehe ich auch nicht, wie Du plötzlich dem letzten Absatz meines Beitrags zustimmen kannst, wenn ich mich doch dezidiert gegen eine solche Feedback-Burgerei ausspreche.

      Herzliche Grüße,
      Andreas

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      1. Hallo Andreas,

        ich glaube zunächst einmal, dass unsere Auffassung von Filmkritik eine derart unterschiedliche ist, dass wir zu keiner vollständigen Wellenlänge finden werden, was mir zunächst einmal ziemlich egal ist. Ich lebe nach dem Motto „Leben und leben lassen“, was auch für Filmkritik gilt. Unterschiedliche Ansprüche an Film, Entertainment allgemein und Kultur fördern auch unterschiedliche Ansprüche an den Diskurs über selbiges zutage. Und das ist völlig legitim; entsprechend legitim ist es daher auch, wenn wir beide uns nicht einig werden bzw. wenn der Teil der Kollegen, der dich in deiner Meinung berstärkt, sich nicht mit dem Teil der Kollegen einig wird, der mich in meiner Meinung bestärkt. Kurzum: Von meiner Seite aus geht – wie bei dir – keinerlei persönliche Intention mit der Auseinandersetzung mit deiner Argumentation einher.

        Dass wir uns einig sind, dass wir finden, Filmkritik hat weder etwas mit Selbstdarstellung, noch mit Pöbelei etc. zu tun, ist ja insofern schon mal ein guter Anfang, als dass ich mich bei einigen deiner so interpretierbaren Aussagen offenbar in deiner Denkweise getäuscht habe. Es lässt sich mit jemandem, der unfreundliches, unprofessionelles Verhalten ebenso abstoßend findet, einfach besser zu einem Diskurs finden, als mit jemandem, der gegen persönliche Beleidigungen nichts einzuwenden hat. *High Five*

        Du störst dich an meiner Definition des „normalen“ Kinozuschauers und ich möchte gern genauer definieren, was damit gemeint ist. Als Jemand, der sich dafür ausspricht, dass es eine allgemeingültige Normalität gibt, möchte ich nicht dastehen, denn ich stimme dir zu, dass es so etwas nicht gibt.

        Auf das Einfachste herunter gebrochen, möchte ich (wirklich nur der Übersicht halber!!) Leser in zwei Teile teilen. Dass es dazwischen noch unendlich viele Lesertypen gibt, weiß ich. Aber der Text würde zu keinem Ziel führen, wenn ich jede erdenkliche Option berücksichtige.

        Es gibt den Leser, der beim Lesen einer Kritik den Informationswert der Kritik im Kopf hat (mit dem Ziel, zu erfahren, ist ein Film gut oder schlecht, im Idealfall auch noch mit der Begründung, warum das so ist) und es gibt denjenigen, der sich für den Diskurs im Zusammenhang mit einem Film, in diesem Fall in schriftlicher Form, interessiert. Filmhistorischer Wert, Interpretation, eine noch detailliertere Ausführung vorhandener oder eben nicht vorhandener Qualitäten etc. Wie gesagt, das ist extrem vereinfacht gedacht.

        Ich richte mich in meinen Kritiken an die Leser, die wissen möchten: Lohnt sich ein Film oder nicht. Und das war’s. Gleichzeitig bin ich aber immerhin ehrgeizig genug und habe Spaß daran, das Ganze so kreativ und interessant wie möglich zu gestalten. Einfach, weil Filmkritik für mich mehr ist, als eine Punktebewertung oder eine Nacherzählung dessen, was ein Film beim Schauen bei mir ausgelöst hat. Das verstehe ich unter einem „normalen Zuschauer“; vielleicht ist diese leicht missverständliche Wortwahl nun im Kontext leichter nachzuvollziehen.

        Dass das nicht der Anspruch ist, den du und eine Handvoll Deiner Twitter-„Gefolgschaft“ an Filmkritik haben (du nennst es abwertend Feedback-Burgerei, was ich unter meinem Ansatz der Filmkritik nicht verstehen würde – Was die in Fast-Food-Läden ausliegenden „Kino-Magazine“ abdrucken, DAS ist für meine Begriffe Feedback-Burgerei, wo auch die Grenzen zu reiner Werbung sehr schwammig sind), das ist legitim. Und die Community derer, die das so sehen, ist groß genug, um sich eben auf anderer, nenne es meinetwegen intellektueller Ebene auszutauschen. Dagegen sagt keiner etwas (außer, dass ich sage, mich interessiert das höchstens in Einzelfällen bei mich besonders interessierenden Filmen, wo mich deutlich mehr als eine Meinung interessiert), genauso, wie ich finde, dass man es – auch wenn man es nicht bevorzugt oder mag – immerhin tolerieren sollte, dass nicht jeder an einer solch detaillierten, ausführlichen, um die Ecke denkenden Art der Filmkritik Interesse hat. Eben jeder, wie er mag. Dazu sind ja eben alle verschieden. 🙂

        Zu der von dir noch detaillierteren Ausführung, den Part mit Erfolg/Misserfolg betreffend, kann ich nur sagen: Offenbar ist es tatsächlich ein wenig missverständlich ausgedrückt, wenn du darauf beharrst, dass sich gewisse Dinge in meine Ausführungen reinlesen lassen. Gleichwohl gibt es genug Leute, die es so verstehen, wie ich es meine (siehe der Kommentar über meinem). Daher: Ja, vielleicht unglücklich ausgedrückt. Vielleicht gewolltes Missverständnis? Ich denke, hier laufen zwei Faktoren zusammen, die uns jeweils auf unserer Meinung beharren lassen. That’s Life! 🙂

        Zum Abschluss: Ich schätze deine sachliche Art der Diskussion, muss gleichsam (und das nicht persönlich auf dich bezogen) aber auch sagen, dass ich leider nicht immer die Zeit haben werde, derart ausführliche Nachrichten zu verfassen und bin obendrein auch kein Freund davon, Auseinandersetzungen gezielt am Leben zu erhalten. Daher fände ich es schön, wenn wir uns darauf einigen könnten, dass wir uns in einigen Aussagen (bzgl. Höflichkeit, Sachlichleit etc.) einig sind – Hey, so eine offen ausgesprochene Erkenntnis kommt im Internet eigentlich nie vor 😀 – und in einigen eben einfach andere Ansprüche haben, andere Meinungen vertreten etc. Ich toleriere deine Ansicht ohne sie zu teilen und sehe auch ein, dass einige Aussagen meinerseits evtl. ein wenig ungenau formuliert sind, beharre aber auf meiner Meinung, werde weder den Eintrag löschen, noch möchte ich, dass ich in eine rechtfertigende Ecke gedrängt werde (den Eindruck hatte ich bislang aber ohnehin nicht!). Und vielleicht könntest du im
        Gegenzug dazu dieselbe Größe beweisen und wir kommen zu dem Schluss: Unterschiedliche Meinungen sind wichtig, um Dinge am Leben zu erhalten, ohne dass wir den Diskurs nun zwanghaft am Leben erhalten müssen, bis einer schließlich das letzte Wort hat.

        In diesem Sinne kollegiale Grüße
        Antje

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    2. Der für mich schwierigste Punkt ihrer Argumentation, Frau Wessels, liegt in dem Begriff des „normalen Zuschauers“.

      Das Problem damit, ganzen Gruppen oder einem sogenannten „normalen Kinopublikum“ Empfehlungen auszusprechen, liegt für mich an folgender Stelle: ich bin 18 Jahre alt, und wäre ich nicht durch einige Zufälle zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Filmkunst in meiner Jugend gekommen, würde ich wahrscheinlich wie viele meiner Altersgenossen Michael Bay-Filme sehen und diese für gute Filme halten. Es gibt eine Art Massengeschmack, der sich über lange Zeit entwickelt hat, und gerade wenn man in eine Zeit hineingeboren wird, in der die Entwicklung dieses Geschmacks beendet ist und man dauerhaft von solchen Machwerken umgeben ist, ist es schwierig, sich davon loszulösen.

      Es gibt also keine „normalen Zuschauer“, diese würde ich eher als durch Sehgewohnheiten und Marketing konditionierte Zuschauer bezeichnen.

      Ich glaube, dass viele Menschen nie in Kontakt mit großer Filmkunst kommen, und deshalb nie das Potenzial erreichen werden, das in ihnen als Rezipienten eigentlich stecken könnte. Berührung mit großen Filmen bedeutet Bildung in in vielfacher Hinsicht, zum Beispiel ästhetisch, oder auch politisch, und würden mehr Menschen sich auf dieses Wagnis einlassen, würden sie sicherlich auch später davon überzeugt sein, so wie ich es mittlerweile bin. Denn erst durch Konfrontation mit Neuem findet eine Weiterentwicklung statt.

      Wenn nun also Kritiker einem sogenannten „normalen Publikum“ Filme empfehlen, entsprechen diese dann normalerweise auch den bereits konditionierten Sehgewohnheiten, und verhindern somit eine Weiterentwicklung des Publikums. Hieraus ergibt sich eine Endlosschleife, die den vorhin angesprochenen, über Jahrzehnte entwickelten „Massengeschmack“ stützt und eine ästhetisch-sinnliche Weiterentwicklung nicht nur erschwert, sondern durch einen falschen Grundgedanken bereits verhindert.

      Auch so gibt es viele Punkte, die ich als problematisch einstufe, aber das liegt, wie Sie bereits ihrem Vorredner gegenüber klar gestellt haben, vor allem an verschiedenen Interpretationen von Begriffen wie Filmkunst oder Kritik, weshalb sich eine Diskussion dazu wohl kaum lohnt.

      Herzliche Grüße,
      Ole

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      1. Ich gehe unter den Kommentaren des Kollegen (siehe Link oben) ausführlich auf den Terminus des „normalen Zuschauers“ ein, fasse mich hier also kurz, damit es nicht so ausschaut, als würde ich der Einfachheit halber schweigen.

        Der Begriff des „normalen Zuschauers“ mag in gewisser Weise unverständlich sein, weshalb ich an dieser Stelle darauf verweisen möchte, dass man zur genaueren Einordnung vielleicht den Begriff „normal“ durch „durchschnittlch“ ersetzen könnte.

        Herzliche Grüße
        Antje

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      2. Ich habe jetzt erst gesehen, dass mir mein WordPress-Formular einen Streich gespielt hat und Du bereits unter dem Kommentar des Kollegen argumentiert hast (mir wurde angezeigt, Du hättest Dich in meinem Blog geäußert – merkwürdig). Dann hast Du meine Ausführungen zum Thema ja bereits gelesen. Sorry für die möglicherweise missverständlichen Äußerungen!

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