Ein Plädoyer für unfaire Filmkritik

Antje Wessels ist eine professionelle Filmkritikerin. Professionell, das heißt: Filmkritik ist ihr Beruf. Deshalb fühlt sie sich besonders qualifiziert dazu, eine gegenwärtige Krise der Kritik und des Kinos zu beschwören und zu analysieren. Sie holt aus zu einem Rundumschlag gegen all diejenigen Vertreter der Zunft, deren Schreiben nur dazu diene, „sich selbst zu profilieren“, oder die „lediglich beweisen möchte[n], wie anspruchsvoll [ihr] eigener Filmgeschmack ist“. Ihr Plädoyer: Filmkritik muss fair sein. Und Fairness bedeutet für Antje Wessels, objektiv zu urteilen und dem Publikum gerecht zu werden, anstatt nur Verrisse als Ventil für den Frust über das eigene Versagen im Leben zu schreiben und den Machern damit das Leben schwer zu machen. Mit dieser äußerst interessanten Position möchte ich mich im Folgenden in Form einer kleinen Stellenlektüre beschäftigen, denn Antje Wessels schreibt auch, dass sie „für jede Form der konstruktiven Kritik dankbar“ sei, schließlich sei „kein anderer Berufsstand so unfähig darin, mit Kritik umzugehen, wie derjenige, der sein Geld damit verdient, andere zu kritisieren.“ Ich spare dabei den langen ersten Part über ihren Werdegang und die griesgrämigen Kollegen aus und beginne gleich mit ihrer Theorie der Filmkritik. Ich bitte darüber hinaus um Verzeihung, dass ich der Forderung eines konstruktiven Feedbacks ohne polemische und ironische Spitzen nicht nachkommen kann, da mein Begriff von Kritik ein anderer ist, wie sich noch zeigen wird. Weiterlesen

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Das Partikulare und das Universale in ‚Suffragette‘

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Quelle: Telegraph

Am 12. Dezember 2015 durften Frauen in Saudi-Arabien erstmals an den Wahlen teilnehmen. Zwei Monate später startete mit Suffragette ein Film in den deutschen Kinos, der von der englischen Frauenrechtsbewegung um 1912 erzählt. Nun kann der Blick in die Vergangenheit gegenwartsdiagnostisches und selbstkritisches Potenzial entfalten. Doch allzu gern gefällt man sich dabei, Lorbeeren an diejenigen Filme zu verteilen, die sich eines solchen Zugriffs verweigern und brav die Lösung von Konflikten längst vergangener Zeiten zelebrieren, ohne dabei geschichtlich wirksam zu werden. So ist das Problem von Sklaverei und Rassismus in 12 Years a Slave abgehakt, wenn sich der schwarze Sklave nur gut genug in sein Arbeitsumfeld einfindet, um dann von einem weißen Messias errettet werden zu können. The Danish Girl überführt eine konfliktreiche und subversive Geschichte in steriles und bieder-heterosexuelles Wohlfühlkino, das Diskriminierungserfahrungen nicht kennt und den psychiatrischen Normalismus als Gag verkauft. Der große medizinische Diskurs, der bis in die Gegenwart von zentraler Bedeutung ist, und somit als aktueller Bezug taugen würde, wird nicht verhandelt. Historisiert und entpolitisiert können diese ursprünglich sehr interessanten Stoffe bestenfalls rühren, aber nichts mehr bewegen. Dasselbe ließ auch die Werbekampagne von Suffragette befürchten. Weiterlesen