Die gefährlichen Männer. Ist ‚Nymphomaniac’ rassistisch?

nymphomaniac
Quelle: Variety

Sex without communication. Joe hires a translator “of African languages” to fuck a black refugee from the streets. Him and his buddy argue over who gets to enter which hole while their enormous erections frame Joe’s face before being called “the Negro brothers”. No, some words, like “negro” shouldn’t be erased from language, Joe says. Neo-colonial, ultra racist bullshit, so offensive it made me want to puke.

Quelle: Indiewire

Es gibt Filme wie 12 Years a Slave, die für das bloße Benennen von Rassismus, der irgendwo und irgendwann stattgefunden hat, mit Oscars und Kritikerlob belohnt werden. Und dann gibt es Filme wie Nymphomaniac, die Rassismus nicht benennen, sondern vorführen und mit narrativen Verfahren problematisieren. Auszeichnungen gibt es dafür nicht, mangels offensichtlicher Benennung aber den Vorwurf des Rassismus, der nur zu gut ins Bild passt, hat sich enfant terrible Lars von Trier in Cannes doch ohnehin geoutet: „I’m a nazi“ und „I understand Hitler“. Vielleicht gilt schon deshalb für einige Kritiker als gesichert, dass die Implikationen im Abschnitt ‚The Dangerous Men’ zweifelsfrei auf Stereotypen basieren, basieren müssen. Dem zuzustimmen fällt leicht, wenn man sich Paraphrasen dieses Kapitels durchliest (vgl. etwa die Kritik bei thesaladbowl). Es werden schwarze Männer gezeigt, die mit ausgeprägter Muskulatur und großen Phalli ausgestattet sind und die als „Neger“ bezeichnet und als Sexualphantasie gekennzeichnet werden. In einer pornographischen Darstellung würde man wohl an dieser Stelle stehen bleiben und das Begehrlich-Gefährliche des Anderen (re-)produzieren. Nymphomaniac tut dem aber etwas hinzu, eröffnet einen diskursiven Raum und stellt die Frage nach der Artikulation in dessen Mittelpunkt.

Bemerkenswert ist zunächst, wann Joe auf die ‚Dangerous Men’ aufmerksam wird. Sie fühlt sich von Jerôme vernachlässigt, ist sexuell unbefriedigt und kommt mit ihrer neuen Mutterrolle nicht zurecht. Am Nullpunkt der Sexualität tritt das Andere in Erscheinung. Die Gruppe junger Männer, die sie erst jetzt bemerkt, sei schon immer dagewesen, erzählt sie. Das Andere ist zwar anwesend, wird aber erst präsent und sichtbar, wenn ihm ein Zweck zugewiesen werden kann oder es einen Weg findet, sich zu artikulieren. Letzteres findet bei Lars von Trier nicht statt. Hier gilt, „dass der Neger der (oder auch das) ist, den (oder das) man sieht, wenn man nichts sieht, wenn man nichts versteht und, vor allem, wenn man nichts verstehen will.“ (Achille Mbembe 2014) Joe will nicht verstehen. Sie verlangt nach „a sexual situation in which verbal communication was impossible.“ Dazu muss sie aber zuerst ihr eigenes Begehren mitteilen, was ihr aufgrund der Sprachbarriere selbst nicht möglich ist. Sie lässt sich daher von einem Übersetzer (im Englischen treffender: „interpreter“) vertreten, die verbale Kommunikation wird somit nicht ausgesetzt, sondern bloß an ein Medium, einen Vermittler delegiert. Durch diese mediale Kommunikation glaubt sie ein Miss-Verstehen, in dem die ganze Gefahr dieser ‚Dangerous Men’ und damit auch die Angst Joes begründet liegt, vermeiden zu können. Doch das Medium, die Übersetzung wird dem Vermittelten, dem Übersetzten nie gerecht und so ist Joe überrascht, als sie zwei Männer anstatt – wie gewünscht – nur einer im schäbigen Hotelzimmer aufsuchen. Da der Übersetzer keine Garantie für das Gelingen der Kommunikation geben konnte, lässt sich das erste Missverstehen auf die sprachliche Differenz zurückführen. Man versteht sich nicht, weil man nicht dieselbe Sprache spricht, weil die (De-)Kodierung über das Medium fehlschlägt.

Als dann die von Joe erwartete „sexual situation“ eintritt, scheitert die Kommunikation abermals. Die beiden Männer diskutieren vor dem Akt in einer für Joe wie wohl für die meisten Zuschauer unverständlichen Sprache, wobei durch ihre Gesten klar wird, worum es in dem Streit geht. Sie werden sich offenbar nicht einig, wie sie mit der Frau umgehen, auf welche Weise sie den Sex vollziehen sollen. Scheinbar ohne eine für beide zufriedenstellende Lösung beginnt ihr Spiel, das jedoch nur von kurzer Dauer ist, da bald wieder die Uneinigkeit die Lust dominiert. Nachdem bereits die vermittelte Kommunikation gescheitert ist, versagt nun die unmittelbare. Missverstehen ist also nicht nur ein Problem der Sprachbarriere oder eines ‚Anders-Seins’. Das viel gravierendere Missverstehen tritt gerade dann auf, wenn man dieselbe Sprache spricht, aber entgegengesetzte Interessen artikuliert. Sehr deutlich wird in diesem doppelten Missverständnis, dass Differenz nicht zwischen, sondern bereits in Gruppen stattfindet.

Der Rassist ist nicht Lars von Trier, sondern Joe. Sie ist es, die ihr exotistisches, angstlüsternes Begehren auf den Anderen projiziert und ihn damit erst zum Neger macht. „[D]er Neger ist verschwunden. Er ist zum Glied geworden. Er ist Penis.“ (Frantz Fanon 1952) Wenn er diesen Zweck, auf den ihn die Erzählerin Joe reduziert, nicht erfüllt, sondern als Subjekt mit eigenen Interessen und der Fähigkeit, zu sprechen, in Erscheinung tritt, entpuppt sich das erhoffte Andere als dieselbe Enttäuschung wie die vorherigen Liebhaber. Wieder wird der ersehnte Orgasmus aufgeschoben. Der zum Neger Gemachte ist eben kein triebhaftes Tier oder tierischer Trieb. Was Joe in den Anderen hineinlegt, ist tatsächlich in ihr selbst und sagt dementsprechend mehr über sie als über ihn. Auch sollte man nicht vernachlässigen, dass die Erzählerin dieser Geschichte eindeutig als solche bestimmt ist. Nicht Lars von Trier erzählt, dass „Neger“ von Frauen als Lustobjekte angesehen werden, sondern Joe. Sie ist es, die Seligman wie dem Publikum die einzelnen Kapitel vorlegt und ebenso bebildert. Inwieweit ist das Gezeigte ‚authentische’ Erinnerung, inwieweit Interpretation und Fantasie? Dass Joes Kommentare auch während der Kapitel aus dem Off zu hören sind, macht diesen Charakter des Vermittelt-Seins unablässig deutlich. Wie der „interpreter“ ‚übersetzt’ sie das Erlebte in Sprache, ein Vorgang, dessen Resultat stets zugleich mehr und weniger ist als das Original. Dass Joe vom „Neger“ spricht, ist deshalb nur konsequent: Nachdem sie die Männer in ihrer Erzählung durch die Projektion von Angst und Begehren zu Negern gemacht hat, benennt sie diese Rassifizierung auch. Seligman möchte ihr das Wort um der „political correctness“ willen verbieten. Diese Ansicht hat im Deutschland der 70er Jahre dazu geführt, dass an die Stelle des ‚Negers’ Wörter wie ‚Farbiger’ oder ‚Dunkelhäutiger’ getreten sind, die dasselbe bezeichnen, aber nicht gleich aussehen. Um den ‚Anderen’ auch weiterhin rassifizieren zu können, wurden ‚schönere’ Ausdrücke gefunden. Joes Argument, dass das Verbot eines Wortes die gesellschaftliche „impotence“ im Umgang mit den dahinterliegenden Problemen belegt, ist so falsch also nicht. Seligman hat allerdings ebenso Recht, wenn er den Minoritätenschutz als Wesensmerkmal der Demokratie hervorhebt. Was Demokratie auszeichnet und wie sie sich zwischen einer ‚Diktatur der Mehrheit’ und einer ‚Diktatur der Minderheit(en)’ positionieren soll, bleibt im Film ungeklärt. Die kurze Diskussion der beiden Figuren führt nicht zu einer Conclusio. Es liegt am Zuschauer, sich zu dieser Streitfrage zu verhalten. Sowohl den rassistischen Blick Joes, der sich selbst entlarvt, als auch das gutgläubige Vertrauen auf politische Korrektheit Seligmans sollte das Publikum überwinden und die Debatte, die nur anklingt, fortsetzen.

Nymphomaniac ist kein Film, der Antworten auf die Fragen der Zeit gibt. Er stellt diejenigen Fragen, die man im öffentlichen Diskurs durch spektakuläre Verdrängungsstrategien oft großzügig ausspart, überhaupt erst. Rassistisch ist das nicht. Hätte man, wie sich das einige wünschen, auf die stereotype Attribuierung der „Neger“ verzichtet, sie in politisch korrektem Gewand zur Projektionsfläche gemacht und diese Markierung durch Joe nicht vorgeführt, dann wäre Nymphomaniac wirklich rassistisch. So jedoch ist dieses Kapitel ungemütlich subversiv, Lars von Trier kein Nazi und der Film ganz große Kunst.

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