DOPE und das Scheitern der Kritik

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Quelle: Beverly Press

Der prominent von Pharrel Williams beworbene und produzierte Dope erzählt eine Geschichte vom Überwinden der Klassengrenzen, von den Gefahren der ‚Hood’, von Drogendeals und Schießereien, eine Coming of Age-Story über jugendliche Wünsche und Ängste, 90er-Klamotten und 90er-Hip Hop. Auf rassistische Strukturen unter anderem im Bildungswesen möchte man hinweisen, die deterministische Milieukonstellation aufbrechen, aber nicht schullehrerhaft, sondern gewitzt, rasant und komisch statt tränenreich und dröge. Dass jedoch guten Vorsätzen nicht immer die gewünschten guten Taten folgen, trifft leider nicht nur auf sektselige Versprechungen des Silvesterabends zu, sondern auch auf den neuen Film von Rick Famuyiwa.

Coming of Age

Malcolm und seine beiden Freunde bilden eine politisch korrekte ‚Geek’-Gruppe, die vom Übertritt an eine Universität, am liebsten Harvard, und vom Verlust der Jungfräulichkeit träumt. Durch unglückliche Zufälle zwischen die Fronten rivalisierender Drogenbanden geraten müssen sie selbst das ‚Dope’ verkaufen, um nicht erschossen, sondern aus der von Kriminalität gezeichneten Umgebung errettet zu werden. Viele Fragen, Konflikte und Lebensumstände Jugendlicher in der Adoleszenz werden dabei angeschnitten, aber leider nie zu Ende gedacht. Das bunte Allerlei und Durcheinander von Themen und Handlungssträngen erlaubt es dem Film nicht, auch nur einen der aufgenommenen Fäden in einem vertieften Erzählen wirkungsvoll zu entfalten. So gelingt es weder durch eine feinfühlig nachgezeichnete Jugendgeschichte den Zuschauer emotional zu involvieren, noch mit überkommenen Klischees des Coming of Age-Films ironisierend zu brechen. Im Dreieck von sexueller Neugier, sozialer Integration und Aufstiegssehnsüchten pendelt die Geschichte uninspiriert, aber umso hektischer von einem zum anderen. Der Sexualität wird unter diesen noch die höchste Aufmerksamkeit geschenkt. Masturbation, begehrende Blicke, Versagensängste, Pornografie und sexuelle Orientierung werden vorgeführt und bewitzelt, aber zumeist belässt man es dabei: Zu selten wagt man den Bruch mit der jugendsprachlich-angepassten Perspektive und nimmt gerade dadurch die Jugend zu wenig ernst. Stattdessen erfüllt sich zuletzt das Klischee, das Malcolm zuerst wie selbstverständlich ablehnt, auch im Bereich des Zwischenmenschlichen: Der Geek bekommt die Schönheit, nicht der harte Drogendealer oder der erpresserische Pausenhofgangster. Das ist nicht nur schrecklich vorhersehbar, sondern bändigt den gern illustrierten jugendlichen Trieb im Rahmen einer äußerst konservativen Prüderie. Jegliche sexuelle Normabweichung, jede pubertäre Fantasie bleibt auf das Sprachliche beschränkt und realisiert sich nicht. Mustergültig dafür ist eine Szene, in der Malcolm mit einer bessersituierten Frau beinahe seine Jungfräulichkeit verliert. Dieser klassenüberschreitende, spontane, subversive Akt wird dann aber jäh abgebrochen und im Fäkalhumor wortwörtlich ertränkt. Auch Homosexualität ist ein Thema, bei dem man ebenfalls nicht über den Tellerrand einer jugendsprachlichen Naivität hinausblickt. Das ist schade, aber für den Film bezeichnend.

E oder U?

Insgesamt gelingt der bereits als „Hybrid“ gelobte Mix aus engagiertem und unterhaltendem Kino nicht. Zu nebensächlich werden brisante und interessante Gegenstände besprochen, um den rasanten Erzählvorgang nicht zu bremsen, oder positiver: zu entschleunigen, was diesem sicher gutgetan hätte. Da geht es um Drohneneinsatz und Schmetterlingseffekt, um Bandenkrieg und Drogenkriminalität, aber nichts bekommt – dank der Beiläufigkeit der Darstellung – die Chance, angemessen und kritisch artikuliert zu werden. Wenn eine Gruppe Dealer über den Einsatz von Kampfdrohnen zu debattieren beginnt, wird ihr Gespräch sofort unterbrochen – ganz ähnlich der oben skizzierten Beinahe-Beischlafszene –, um die Story voranzupeitschen. Das ist besonders bedauerlich, da mit einem jugendlichen Blick auf derart heikle Angelegenheiten durchaus pointiert-kritische Töne möglich gewesen wären. Zugunsten des U wird auf das E zwar nicht verzichtet, aber allzu leichtfertig damit umgegangen. Einige bedenkliche Phänomene werden teilweise nicht einmal ansatzweise problematisiert, sondern als gegebene Größen im Status quo des adoleszenten Alltags anerkannt. So erhebt man die drei Freunde nach einem von Drogenrausch und Alkoholexzess begleiteten Konzert in sozialen Netzen zu Stars und weist nicht auf die Fragwürdigkeit dieser unrühmlichen Berühmtheit hin – vielleicht, weil viele der an der Produktion Beteiligten selbst längst Follower- und Like-Millionäre sind. Sowohl den privaten und alltäglichen wie auch den öffentlich-politischen Belangen wird man auf diese Weise nicht gerecht. Man möchte so gern engagiert sein und Wichtiges zu allem Möglichen sagen, hätte sich dabei aber lieber beschränken und auf eine Überfülle verzichten sollen. Dass viel passiert und der Film so auch an Fahrt gewinnt, trägt sicher zu Unterhaltungswert und Kurzweil bei, die man bei aller Kritik schon anerkennen kann. Die Musik ist launisch und neben der unnötigen Kotz-Koitus-Komik finden sich gelungene Pointen und einige treffsichere Gags. Nur leider wird der intendierte und durchaus mögliche Ernst vom Rasant-Komischen völlig vereinnahmt – und das gerade auch beim zentralen Thema: dem gegenwärtigen Rassismus.

Klasse/Rasse

Die Geschichte trägt sich fast ausschließlich im Viertel der sozial Schwachen zu und zeigt kaum ‚weiße’ Figuren. Ausnahme ist Jacoby, der Malcolm auf seine Harvard-Eignung hin prüfen soll, sich dann aber als Drogenboss entlarvt und von seinem Prüfling verlangt, das ‚Dope’ zu verkaufen, an das er zufällig geraten ist. Dies setzt er als Bedingung für eine Empfehlung an die Elite-Universität. Der schwarze Jugendliche wird damit zum Instrument eines Drogengeschäfts, das einem weißen Herrn gehört. Der Umsetzung dieses Auftrags stehen die drei Freunde zwar zunächst kritisch gegenüber, nehmen ihn aber schon bald als Herausforderung wahr, an der sie letztlich sogar Vergnügen haben. Spaß und Humor, die einerseits den Film tragen, dann aber auch die Protagonisten erfassen, stimmen nicht mit der erniedrigenden und deklassierenden Ausbeutung, die hier stattfindet, überein. Dass man den Erpresser am Ende zum Erpressten macht, ist nicht nur Rache, sondern auch Identifikation. Hierin zeigt sich das doppelte Begehren, das Frantz Fanon in Schwarze Haut, weiße Masken so minutiös nachzeichnet: Der Schwarze will sein wie der weiße Kolonialherr, aber zugleich die Position des rächenden Sklaven behalten. Auf diesem Wege kommt es nicht zur Emanzipation, das hierarchische Verhältnis wird keineswegs gekippt oder verkehrt, sondern vielmehr noch bestätigt. Doch nicht nur der einzige Weiße im Film ist Rassist. In der ersten Szene rät ein (schwarzer) Lehrer Malcolm, sich den Traum von Harvard aus dem Kopf zu schlagen – welche Chancen hat schon ein Schwarzer aus dem Problembezirk – und es mit einem auf Benachteiligung pochenden Bewerbungsschreiben an einem lokalen College zu versuchen. Malcolm wehrt ab, das Klischee gefällt ihm nicht, man brauche etwas ganz Individuelles – und erfüllt dann doch, was ihm sein Lehrer empfohlen hat. Mit einem Schreiben, in dem er die Probleme der ‚Hood’ benennt und am Ende den Adressaten, die er nicht kennt, pauschal Rassismus unterstellt, wird er schließlich an der Elite-Uni angenommen. Happy End. Doch ein bitterer Nachgeschmack bleibt: Der schwarze Subalterne kann nur überzeugen, indem er sich ausbeuten lässt und Drogen verkauft, selbst zum Erpresser wird und seine Hautfarbe als Argument vorbringt. Mit Emanzipation oder Subversion hat das nichts zu tun.

Ein gescheiterter Versuch

Dope ist der Versuch, der These von Gayatri Spivak, derzufolge die Subalternen in ihrer Artikulation beschnitten werden und nicht für sich sprechen können, entgegenzutreten und denen ein Stimme zu geben, die keine haben. Leider bleibt es bei einem Versuch. Dem Film gelingt es nicht, seine ernsten Anklänge mit dem bunten und hipp-jugendlich Komödiantischen zu vereinbaren. Viel zu viel nimmt man sich vor, um dann in Anbetracht dieses vollgepackten Plans stets zu früh die Flinte ins Korn zu werfen und es bei lauwarmen Ansätzen zu belassen. Sicher hat man schlechtere Unterhaltungsfilme gesehen, einfallslosere Coming of Age-Stories, aber der „Geheimtipp“, den man schon in Dope gesehen hat, ist er sicher nicht.

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