Dichtung und Wahrheit in ‚Mr. Holmes‘

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Mit der Lupe statt der Zeitlupe

Noch 2011 sahen wir in Sherlock Holmes – Spiel im Schatten einen durchtrainierten, flink kombinierenden Superdetektiv, der in – wenngleich kaum eleganter – James Bond-Manier Verfolgungsjagden, Explosionen und Schießereien mühelos überstand. Nur vier Jahre später, zu Weihachten 2015, ist Holmes 50 Jahre älter, leidet an Demenz und züchtet Bienen in der Einöde. Doch Mr. Holmes ist glücklicherweise nicht das sentimentale Rührstück über Pflegebedürftigkeit und Altwerden, das sich an einigen Stellen anzukündigen scheint. Auch verzichtet man insgesamt auf ein wohlfeiles Werben für Generationenverantwortung, das gegen Ende nur kurz anklingt. Was den neuen Holmes auszeichnet, ist eine weitgehende und feinfühlige Selbstreflexion der Figur, die bis hin zum Nachdenken über Fiktion und Wahrheit in der Kunst, insbesondere der Literatur ausgebaut wird. Während Guy Ritchie die Zerstörung der Kulisse oder die Wirkung von Fausthieben in Zeitlupe bloß zelebriert, greift Bill Condon zur klassisch-detektivischen Lupe und vergrößert die Figur Sherlock Holmes vielmehr, als sie ins Gewöhnliche und Alltägliche herabzusetzen. Es gelingt, die Entstehung und die Tradition eines Mythos von diesem selbst besprechen zu lassen, ohne ihn dabei aufzulösen. Ist Holmes auch noch so sehr um die Richtigstellung der eigenen Geschichte bemüht, muss und will er sich zuletzt für die Fiktion entscheiden – denn seine Korrekturen sind nichts anderes als er selbst ja auch: Fiktion.

Der ‚echte’ Sherlock

Er wollte nie eine Geschichte schreiben, außer, um die ganzen Fehler in Dr. Watsons trivialen Erzählungen zu tilgen, begründet Holmes an einer Stelle seine anfänglichen Schreibversuche. Besonders mit der Erinnerung an seinen letzten Fall, nach dem er sich aus unklarem Grund zur Ruhe gesetzt hat, kämpft der gealterte Detektiv. Das Aufschreiben neben der Einnahme tierischer und pflanzlicher Heilmittel dient der Beförderung des Gedächtnisses, das ihm im Verlauf der Demenz zusehends entgleitet. Mit dem Verlust der Erinnerungen geht ein Siegeszug des Mythos einher, der die Wahrheit und jegliches Interesse an selbiger zu verdrängen scheint. Allein Holmes selbst ist an ihrer Rekonstruktion gelegen, ist er doch noch immer der analytisch-rationale Ermittler. Jedoch geht es ihm nicht um die öffentliche Aufklärung, sondern um eine ganz persönliche. Bei seinen Nachforschungen verzichtet er auf die Rückkehr an Orte der Vergangenheit und bleibt in der Sphäre des Privat-Häuslichen verhaftet, nur analeptisch sehen wir den Detektiv in Japan, England, der Öffentlichkeit. Dort bricht er mit der Fiktion, aber stets zugunsten einer neuen Fiktionalisierung: Er trage keinen Hut und rauche Zigarre statt Pfeife, behauptet er in Japan, nur um in der nächsten Einstellung mit Hut auf dem Kopf die Straße entlang zu gehen. Auf das Rauchen verzichtet er ganz. Seinem Begleiter erklärt er sodann, dass die von Dr. Watson geschaffene Figur sein Handeln bestimmt: Er könne ihr Verhalten nur entweder adaptieren oder sich gegensätzlich entscheiden. Damit wäre die Figur abhängig von der Figur der Figur und inszeniert sich dabei selbst als eine solche – als Abbild oder Gegenbild. Auch eine esoterisch anmutende Musiklehrerin glaubt nicht, den echten Sherlock vor sich zu haben, als dieser, ohne die erwarteten Attribute mitzuführen, den Unterricht stört. Diese Notizen verweisen allerdings vielmehr auf die Schwierigkeit, eine bereits etablierte Figur alternativ zu fiktionalisieren, denn auf die Krise einer echten Berühmtheit: Will man Sherlock Holmes neu erfinden, bestätigt oder widerlegt man stets die Vorlagen und muss befürchten, dass die Rezipienten nur das ‚Original’ suchen und über dessen Ausbleiben enttäuscht sind. Dem Zuschauer im Kino hingegen rückt die Figur immer näher, bis er selbst davon überzeugt ist, den Detektiv, so wie er wirklich war, vor sich zu haben. Im deutlichen Widerspruch zu einer Brecht’schen Verfremdung entfaltet der Film hier seine Sogkraft: Die Illusion funktioniert.

Die Erinnerung an die Fiktion

Potenziert wird diese Distanzüberwindung durch die direkte Begegnung Holmes’ mit dem eigenen fiktionalen Äquivalent, das Film wie Zuschauer in Opposition zur Figur setzen. Das Originale konkurriert mit dem Realen, aber nur scheinbar. Im Kino und bei der Lektüre der Watson-Erzählungen ist der 93-Jährige verärgert, denn die Stilisierung in der künstlerischen Darstellung stimme auf keinen Fall mit der Realität überein – doch wie darf man sich diese Realität vorstellen? Wie war es denn tatsächlich? Findet nun eine Berichtigung durch das Authentische statt? Kann es eine solche überhaupt geben? Sherlock erinnert sich nur allmählich, aber stets inspiriert: bald schreibend, bald im Gespräch, bald durch Gegenstände aus früherer Zeit. Seine wichtigste Quelle der Inspiration findet er im Sohn der Haushälterin, dem er sein Dogma ‚Fakten vor Fiktion’, das er zuletzt revidieren wird, beibringt. Wie zuverlässig und wahrheitsgetreu diese Eingebungen sind und damit auch, welcher Anteil an Dichtung in der niedergeschriebenen ‚Wahrheit’ enthalten ist, bleibt offen – es wird dahingehend keine explizite Auflösung angeboten. Doch entscheidet sich Holmes am Ende für das Fiktionale und erkennt dabei selbst und lässt uns erkennen: Die Erzählung, sofern gut gemacht, funktioniert manchmal besser als der Faktenbericht, denn die Fiktion gehört zur Wirklichkeit. Eine letzte Zuspitzung erfährt diese Wendung beim Verfassen eines Briefs nach Japan, dessen Inhalt – für den Adressaten von großer Bedeutung – Holmes aus den Titeln einiger zufällig ausgewählter Bücher und vor allem mit Hilfe von Fantasie und Erfindung zusammenflickt. Im Kontext der nicht allzu neuen Erkenntnis, dass nicht alles im menschlichen Handeln logisch erklärbar ist, bricht der Detektiv schließlich mit seiner Fakten-Verehrung und erlaubt das Wahrscheinliche im Rahmen des Wahren. Der beschönigte Brief soll dem Empfänger die plausible, aber nicht erinnerte Geschichte seines Vaters als die eines bewundernswerten Mannes erzählen und erreicht sein Ziel, wenn der Sohn die Geschichte als Erinnerung behält und sich damit zufrieden gibt. Zufrieden sein mit der Fiktion – das kann auch Sherlock Holmes und nicht zuletzt der Zuschauer im neuen Film.

Mr. Holmes – eine nur leicht getrübte Freude

Dass mein Sitznachbar einen Großteil der Vorstellung verschlafen hat, ist zugegeben nicht ausschließlich auf dessen Übernächtigung zurückzuführen. Die ein oder andere Länge und die ein oder andere allzu vorhersehbare Entwicklung kann man nicht leugnen. Auch auf eine gewisse Rührseligkeit und typische Familienfilmmomente wurde leider nicht verzichtet. Doch wie bereits zu Beginn angedeutet verliert sich der Film nicht in diese Gefilde, sondern konzentriert sich auf die zentrale Frage nach Dichtung und Wahrheit, und das gelingt ihm sehr gut. Wirklich ärgerlich ist allein der leichtfertige Umgang mit dem Weltkriegskontext – wir schreiben das Jahr 1947 –, insbesondere beim Besuch in Hiroshima. Eine halbseitig entstellte Frau löst nur kurz Erschütterung aus, von einem spirituell Trauernden fühlt man sich kaum affiziert und die albern aussehende postatomare Landschaft ist lediglich der Hintergrund für ein Heilkraut, das sich als Placebo herausstellen soll. Selbst wenn Holmes in der letzten Einstellung das hier beobachtete Trauerritual adaptiert, findet keine Auseinandersetzung statt. Etwas mehr als nur ein Kulissendasein hätte man dem historischen Kontext schon zugestehen können. Ins Gewicht fällt dieser Schnitzer jedoch kaum, will Mr. Holmes ja nicht die Kriegsfolgen aufarbeiten. Es ist kein geschichtlich-belehrendes Drama, sondern letzten Endes ein Film, der sich auf seine Stärken besinnt, großartiges Schauspiel (Ian McKellen!) bietet und angenehm unaufgeregt eine nachdenkliche, aber nie verkopfte, und vor allem eine schöne Geschichte erzählt. Und wie wertvoll schöne Geschichten sind, haben wir ja von Sherlock Holmes höchstpersönlich gelernt.

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3 Gedanken zu “Dichtung und Wahrheit in ‚Mr. Holmes‘

  1. Man merkt der Rezension dein Germanistikstudium an. Aber ich finde das ist einmal eine schöne Abwechslung zu den anderen Rezensionen. Erinnert mich an die Tage als ich selbst noch germanistische Literaturwissenschaft studiert habe 😉
    Sehr gelungene Rezension, ich selbst habe es leider noch nicht geschafft den Film zu sehen, habe es aber definitiv noch vor

    Gefällt 1 Person

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