Die Vorsehung – Plädoyer für das Töten

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Bitte nicht noch ein Hannibal Lecter-Film, dachte ich am Anfang der Sneak Preview. Dr. Clancy, gespielt von Anthony Hopkins, wird – wie schon Lecter in Schweigen der Lämmer – bei einer einfallslosen Reaktivierungszeremonie vom Sohnemann aus seinem Einsiedlertum geholt und in den FBI-Dienst gestellt. Mittels seiner hellseherischen Fähigkeiten soll er bei der Jagd auf einen Serienmörder (Colin Farrell), der den Ermittlern immer einen Schritt voraus zu sein scheint, behilflich sein. Doch auch der Killer entpuppt sich als Seher und so wird der Thriller mehr und mehr zu einem Kristallkugel-Duell, an dessen Ende man sich wünscht: Wäre es doch besser ein weiterer Hannibal Lecter-Film geworden.

Keine Geistesblitze

Mag die Geschichte auch noch so wenig originell sein, kann ein Thriller doch zumindest durch ordentliches Handwerk und geschickt platzierte Effekte über 90 Minuten spannend sein und unterhalten. Doch auch darauf verzichtet man hier. Aufblitzende Einblendungen, die den Zuschauer an den immer gleichen Vorsehungen teilhaben lassen, sollen ein Spannungsmoment erzeugen. Wir bekommen blutüberströmte Körper, christliche Symbolik in Leuchtreklameoptik und verschwommene Gesichter zu sehen – äußerst unpräzise für erprobte Wahrsager, zumal das proleptisch Gezeigte später überhaupt nicht stattfindet. Führte die Unentrinnbarkeit des Orakelspruchs in der griechischen Tragödie noch immer zur teils bewegenden, teils erschreckenden Katastrophe – es ist etwa an Sophokles’ König Ödipus zu denken – wird die Vorsehung hier durch die Entscheidung dagegen einfach ausgehebelt und somit gegenstandslos. Kurz, was taugt eine Prophezeiung, die sich nicht erfüllt? Ist das als Plädoyer gegen eine deterministische Sicht auf menschliches Handeln zu verstehen? Leider nein: Der Film vermeidet jeden reflektierenden Umgang mit der Sehergabe, um die Inkohärenz ihrer Darstellung nicht offenbar werden zu lassen, wo doch das Sehen per se die Frage nach der Entscheidungsfreiheit aufwirft. Schade, dass Die Vorsehung nicht nur sein Thrill-Potenzial mit billigen, ermüdenden Schocksequenzen verschenkt, sondern auch das Angebot zum Nachdenken ausschlägt – und das gerade bei einem brisanten Thema.

Sei für die Sterbehilfe!

Verstehen Sie mich nicht falsch: Nicht jeder Film muss sich große Gedanken machen, verkopftes Kino ist ja oft für die Sinne kein Vergnügen. Versucht man sich aber daran, ist es umso bedauerlicher, wenn sich die Argumentation mit Plattitüden und Populismus zufrieden gibt. Dr. Clancy beginnt an der moralischen Verwerflichkeit der Morde zu zweifeln, als sich herausstellt, dass der Serienkiller ausschließlich Totkranken das Leben nimmt, schon bevor ihr Leidensweg auf dem Sterbebett beginnt. Schnell verwirft er diese Zweifel jedoch und besinnt sich auf ein allzu schlichtes Widersprechen: Man dürfe nicht Gott spielen, vielleicht wünsche der Mensch ja trotz seiner Schmerzen noch zu leben usw. Die ökonomische Linie, die der ‚Erlöser’ vertritt, wird nicht infrage gestellt: Die Familie bekomme bei einem Mordfall mehr Geld von der Versicherung und müsse das qualvolle Sterben nicht mitansehen. Clancy geht auf solche antihumanistischen Punkte gar nicht ein, sondern wiederholt unablässig seine für den Zuschauer leicht als unreflektiert zu entlarvenden Dogmen. Dieser ohnehin schon schwache Standpunkt wird zuletzt vollkommen untergraben und ad absurdum geführt, wenn – diesmal analeptisch – der wiederholt im Interesse einer gewinnenden Rhetorik instrumentalisierte Tod von Clancys Tochter gezeigt wird. Es ist der Vater selbst, der, der sich eben noch gegen die Tötung von Totkranken stark machen wollte, der nun seinem eigenen, leukämiekranken Kind die Giftspritze setzt. Zwar wird nicht erzählt, ob Clancy dem Wunsch des Seriensterbehelfers, sein wohltätiges Werk fortzusetzen, nachkommt. Dass er dessen Ansicht intuitiv teilt, ist am Ende aber klar. Was die Betroffenen tatsächlich wollen, interessiert allerdings niemanden, über sie wird verhandelt und entschieden, der Subjektstatus wird ihnen zur Gänze genommen, sowohl die Figuren als auch das Narrativ des Films selbst lässt die Sterbenden lediglich als Objekte zu. Selbst eifrige Befürworter der aktiven Sterbehilfe sollten dieses menschenverachtende Plädoyer für das Töten verurteilen. Leider wird diese Anklage wie in allen bisherigen Rezensionen weitgehend ausbleiben, weil diese gefährliche Unmoral von einem seichten, aber aus Hollywood nur allzu wohlbekannten Familienkitsch überdeckt wird.

Über allem steht die Familie

Die Vorsehung beginnt bereits als Vater-Sohn-Geschichte und endet mit der Versöhnung einer gespaltenen Beziehung. Dazwischen klingt ständig der Tod von Clancys Tochter an – gerade sie hat keine eigene Stimme – und selbst eine Figur wie die Ermittlerin Katherine Cowles (Abbie Cornish), deren Familie keinen Auftritt hat, erhält durch eine Rückblende ihre rührselige genealogische Einbettung. Der von Colin Farrell gespielte Serienmörder allein bleibt namenlos und ohne Anhang – und muss deshalb am Ende sterben. Auch die Dialoge kreisen unentwegt um die nächste Verwandtschaft und kommen nie über Kitsch und Klischee hinaus. Die Aufforderung des Vaters an die Kinder zur Umarmung am Frühstückstisch, der Wunsch des sterbenden Vaters an den Opa, sich um die Hinterbliebenen zu kümmern, das Wiedersehen nach langer Trennung auf der Parkbank – altbackene Bilder und ein miserables Drehbuch. Geht es um die Familie, sind sich alle einig. Es hat geradezu den Anschein, als läge in der Familie die Chance zur Verbrüderung aller Menschen. So ist auch ein Scientologen-Paar, dessen Sohn zu den Opfern zählt, plötzlich mit der aus religiösen Gründen abgelehnten Obduktion einverstanden, wenn Clancy seine Tochter-Geschichte auspackt. Doch dieses verbindende Potenzial hat eine Schattenseite: die Exklusion aller anderen Lebensentwürfe. Der Tod von Farrells Figur steht nicht etwa für die Sühne des Amoralischen, sondern ist in der hegemonialen Familienpolitik des Films nur konsequent.

After Ei8ht

Zunächst als Fortsetzung zu David Finchers Se7en angedacht, stehen sich beide Filme doch unbesehen des gemeinsamen Genres als Antipoden gegenüber. Werden bei Sieben am Ende Frau und Kind des Protagonisten getötet und damit ein Akt der Selbstjustiz emotional legitimiert, reanimiert Die Vorsehung (bzw. Ei8ht) die Familie triumphierend, wobei ungesetzliches Töten in einer rational-ökonomischen Argumentation nicht nur erlaubt, sondern sogar zur pseudomoralischen Pflicht wird. Afonso Poyarts Debüt auf internationaler Ebene ist misslungen. Sein Film ist einfallslos und langweilig, abgedroschen und platt, dumm und antihumanistisch. Ihn einen Epigonen von Schweigen der Lämmer und Sieben zu nennen, ist in Anbetracht zahlreicher Anleihen durchaus gerechtfertigt, wobei schon die Vorbilder nicht herausragend sind.

 

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