The Wolf of Wall Street

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Zerstörerische Marktwirtschaft

Wenn Tyler Durden in Fight Club einer durch antikapitalistische Träumereien legitimierten Destruktionslust frönt, die in der Sprengung des Finanzviertels ihren Höhepunkt erreicht, hat er nicht verstanden, wie sehr das Zerstörerische zum Wesen des Kapitalismus gehört. Ganz anders Martin Scorsese, der in The Wolf of Wall Street den Blick auf eben dieses destruktive Potenzial richtet. Jordan Belfort lernt schnell, dass es beim Geschäft nie um den Gewinn für beide Seiten geht, und so ist es nur recht und billig, ohnehin schlecht situierten und unbedarften Mitbürgern Schrottaktien anzudrehen. Die Ruinierung der finanziellen Situation anderer Marktteilnehmer allein ermöglicht die Etablierung des späteren Millionärs an der Wall Street. Ist diese erst erfolgt, greift das zerstörerische Moment immer weiter um sich: Die Armen, die Reichen, das eigene Besitztum, der eigene Körper und das eigene soziale Umfeld. Bei bacchantischen Orgien und Drogenexzessen geht nicht nur (aber auffallend häufig) Glas zu Bruch. Wegwerfen und Kaputtmachen – ob als gleichgültige Begleiterscheinung oder arrogante Geste – ziehen sich leitmotivisch durch den Film und richten sich neben Luxusgütern auch gegen den eigenen Körper. Die im Konsum immer noch intensiverer Drogen verwirklichte Autodestruktion wird wider besseren Wissens in Kauf genommen und nimmt etwa im perversen Wunsch nach der Ansteckung mit Aids oder in sadomasochistischen Sexualpraktiken noch kein Ende. Denkt man an sogenannte Wuträume, deren Einrichtung gegen stattliche Summen zerhauen und zerhackt werden darf, wird klar, dass auch das Vernichten von Produkten längst zum Produkt geworden ist. Von der Firmenfeier über den Junggesellenabschied bis zur ‚Scheidungsparty’ finden sich sämtliche Angebote, die man tatsächlich in solchen Wuträumen buchen kann, in Scorseses Film wieder. Nüchtern berichtet Belfort nach der Bachelor-Party vom Renovierungsbedarf der gemieteten Räumlichkeiten und dessen Preis. Besonders bezeichnend ist die Beiläufigkeit, mit welcher die eigentliche Kulmination der Autodestruktion erzählt wird: Aus dem Off erfährt der Zuschauer kurz vom Suizid eines Mitarbeiters von Stratton Oakmont. Sofort danach erfolgt der Schnitt auf die Wall Street.

 

Was nicht erzählt wird

Nahezu alles fällt im Laufe des Films der zerstörerischen Marktwirtschaft zum Opfer – nur nicht das, was von Anfang an fehlt. Was der Geld- und Verschwendungssucht Ausdruck verleiht, ist weniger deren explizite Erwähnung oder Darstellung als vielmehr die Absenz jeglicher anderer Interessen und Themen, die für eine Gesellschaft von Bedeutung sind. Politik, Religion, Kultur und Zeitgeschehen finden hier nicht statt. Im Gegensatz zu anderen Biopics, die das Leben der Porträtierten entlang zeitgeschichtlicher Meilensteine historisieren und kontextualisieren, verzichtet The Wolf of Wall Street bewusst darauf, um von einer bloß narrativen auf eine abstrakte untersuchende Ebene zu gelangen. Es geht Scorsese nicht um die Nacherzählung einer Lebensgeschichte, sondern um die unbeschönigte Entlarvung einer Wirtschaftsordnung und deren ideologisch heimatlosen Akteure. Jordan Belfort entbehrt einer Weltanschauung und jeglicher Positionierung. Markant sind in diesem Zusammenhang die beiden Eigenschaften, die dem Bediensteten des frisch gebackenen Ehepaars zugeschrieben werden: die Kultiviertheit und die Homosexualität. Belfort lobt den neuen Angestellten, besonders kultiviert zu sein, was im Anschluss bei einer Dinner-Szene mit dem Erraten eines Duftes bebildert wird. Doch das Kultivierte, das sich im Übrigen nicht an Kunstgeschmack, Umgangsformen oder Bildung, sondern allein am Erraten des Duftes aufhängt, wird sofort entlarvt, wenn der Hausdiener von Belforts Frau bei einer homosexuellen Orgie ertappt wird. Der Jasmin ist vergessen: „This is fucked up!“ Das Lob einer Kultiviertheit, das keiner einzigen Figur zustehen würde, erscheint nur mehr als Farce. Nach anfänglichem Ekel verschwindet die homosexuelle Praxis aus dem Interesse, wenn der Diebstahl von Bargeld und Schmuck entdeckt wird. Auch Donnies Ehe mit der eigenen Cousine und Jordans Vorliebe für Kerzenwachs werden vom Interesse an Kapitalvermehrung verdrängt. Ist der exzessive Kapitalismus also gar der Wegbereiter einer toleranten Gesellschaft? Ein solcher Schluss würde zu kurz greifen und Toleranz mit Indifferenz verwechseln, denn die Empathie, die für Toleranz erforderlich wäre, fehlt. Der vollkommene Kapitalist interessiert sich nicht für Weltanschauungen, für Kultur, für Zeitgeschichte oder gesellschaftliche Belange, es sei denn, sie lassen sich an der Börse vermarkten. So wird auch der Damenschuh-Designer ausgebuht, wenn er den Stratton-Mitarbeitern sein neuestes Modell vorstellt, bejubelt, wenn Belfort auf sein Marktpotenzial aufmerksam macht. Die ideologische Obdachlosigkeit und das destruktive Moment erfahren ihren erzählerischen Höhepunkt im Verrat sämtlicher Mitarbeiter durch den gefeierten, ja enthusiastisch verehrten Wolfie.

 

Rausch und Rhetorik

„Fagazi, Fugazi, Wahnsinn, Schwachsinn – alles Feenstaub!“ Wenn die ganz große Gleichgültigkeit herrscht – wie dann Leute von sich überzeugen? Wie Kunden für Schrottprodukte begeistern? Wie Mitarbeiter zu noch mehr Arbeitseifer anheizen? Es braucht die Kunst der Rhetorik. Wie ein Feldherr, der seine Soldaten verheizen will, enthusiasmiert Belfort in den zahlreichen und geradezu regelmäßig wiederkehrenden Reden seine Mitarbeiter. Insgesamt ist The Wolf of Wall Street ein Film der begeisternden Sprache und nichts anderes scheint Belfort zu beherrschen. Durch die Wahl der richtigen Worte überzeugt er nicht nur den Kunden am anderen Ende der Telefonleitung, sondern sein ganzes Umfeld und erschafft schnell einen Personenkult, der ihm erlaubt, die Menge zu steuern. Spannend zu sehen ist, auf welche verschiedenen Weisen es gelingt, die intendierte bacchantische Begeisterung auszulösen. Schon bei der Begegnung mit Mark Hanna (Matthew McConaughey) lernt Belfort die wichtigsten stimulierende Methoden kennen: schamanisch-rhythmische Trommelrituale, psychotrope Substanzen und (Selbst-)Befriedigung. Das Irrationale, das Unvorhergesehene und das Beliebige sind neben dem Verlauf einer Aktie auch für das Leben des Aktienhändlers wesentlich. Nicht auf Trendberechnungen, klare Verkaufsargumente oder wirtschaftswissenschaftliche Fachkenntnis kommt es an: Allein die rauschhafte Begeisterung entscheidet über Deal or no Deal, über Sein oder Nicht-Sein. Dieses Strukturmerkmal wird schon früh präfiguriert, wenn Belfort während der Abwicklung eines betrügerischen Geschäfts den Geschlechtsakt imitiert. Der Rausch ist hier nicht bloß Begleiterscheinung des Reichtums, er ist seine Ursache und seine Wirkung.

 

Die Zauberformel

Wird in Fight Club bestenfalls (wenn überhaupt) versucht, über die Darstellung antikapitalistischer Bestrebungen den Kapitalismus infrage zu stellen, gelingt eben dies in The Wolf of Wall Street auf entgegengesetzte Weise. Wo David Fincher bemüht ist, den Ausbruch aus der Banalität und Leere des Arbeiteralltags durch die Schwängerung mit schrecklich viel Bedeutung zu meistern, schafft es Martin Scorsese, die große Armut der Überfülle und der Gewinnsucht ins Bild zu setzen. Doch zugleich vermeidet er eine allzu simple Moral, die vom gerechten Absturz des amoralischen Reichen erzählen würde. Der Verlust von Besitz und Umfeld am Ende des Films ist nur die letzte Konsequenz der Autodestruktion und führt nicht zu einer erkennbaren Läuterung. Wie viele andere Reichgewordene verdingt sich Belfort nun als Vorträger und Trainer, von dessen Seminaren sich die Teilnehmer wohl eine Zauberformel erhoffen, die auch ihnen den vorgelebten Reichtum ermöglicht. Jordan Belfort ist nun selbst das Produkt und wieder sind es die Rhetorik und die Begeisterung des Publikums, mit denen er sein Produkt verkauft. Auch dieses Publikum ist dasselbe, dem er zu Beginn seiner Karriere wertlose Pennystocks angedreht hat. Es sind die „normalen Menschen“, wie es einmal heißt, nicht die Amish oder die Buddhisten, sondern normale Leute, die reich werden wollen. Belfort verkauft letztendlich die Hoffnung, dass dieser Wunsch nach Reichtum in Erfüllung geht. Es stellt sich nur noch die Frage: Sind nicht auch seine Ratschläge und Vorträge nur wertlose Pennystocks?

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