Nymphomaniac – Zu Rezeption und Provokation

Dass Filmkritiker in Zeitungen und Blogs Nymphomaniac entweder als Provokation um der Provokation willen oder um eine krude Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten abtun und dabei gern die Versammlung großer Kunst mit wenigen Worten unter dem Teppich verschwinden lassen, mag daran liegen, dass sie Filmkritiker sind und weder von Literatur, noch von Kunst und Musik, noch von der theoretischen Beschäftigung mit eben diesen Ahnung haben. Das ist auch in Ordnung, wenn man für ein breites Publikum mit einem vergleichbaren Wissensstand schreibt und als Hauptkriterium bei der Bewertung noch immer den bloßen Unterhaltungswert heranzieht. Schon in der Weimarer Klassik hat man zuweilen einen Kotzebue lieber gesehen als einen Goethe.

Freilich ist es nur angebracht, Langweiliges abzustrafen. Gleichwohl sollte man an sich selbst die Frage richten, ob nicht etwa nur enttäuschte Erwartungen oder um Bestätigung ringende Vorurteile verantwortlich sind. Wer hier die pornographische Provokation erwartet, wartet vergebens. In Zeiten, in welchen die Grenzen des Internets die Grenzen unserer Welt markieren, sind solche Erwartungen ohnehin absurd. Andere suchen krampfhaft die aus der Vermarktung bekannte ‚selbstzweckhafte’ Provokation. La provocation pour la provocation. Und so finden die eine das erwartete Skandalon nicht, die anderen finden nichts als selbiges.

Darüber kann man sich dann herzlich empören und spart unzählige Stilmittel, wie Analogie, Vergleich und Verfremdung, historische Bezüge auf Literatur, Kunst und Musik, persönliche Themen und intertextuelle Referenzen an das eigene Werk, sowie all die spannenden Konflikte und Diskurse, die meisterlich verhandelt werden, aus.

Bei Tarantino werden die vielen Zitate aus der Filmgeschichte bejubelt, wird ein zweigeteiltes Werk trotz Länge beklatscht, wird die Nacherzählung eines Geschehens gefeiert. Ja, aber da ist es unterhaltsam, möchten einige erwidern. Ja, gerade Tarantinos aktuellere Filme sind leichter konsumierbar als die von Lars von Trier. Nur ist es nicht allein und nicht insbesondere dieser Aspekt, der die Filme von Quentin Tarantino großartig macht. Sie sind bunter, lauter und leichter verpackt und servieren eine stimmige und runde Handlung , sodass man auch ohne Rücksicht auf die eigentlich interessanten Facetten applaudieren kann. Lars von Trier, der offenbar mehr mit Richard Wagner und Thomas Mann als mit Grindhouse aufgewachsen ist, verweigert sich dieser Publikumsfreundlichkeit (Gilt nicht für das Gesamtwerk! Die Fernsehserie Riget bzw. im Deutschen Geister etwa setzt sogar überdeutlich auf Unterhaltung.) und rückt Ästhetik und Thematik in den Vordergrund.

Nymphomaniac provoziert, aber nicht wegen der Sexszenen. Nymphomaniac langweilt nicht, aber nicht wegen kurzweiliger Unterhaltsamkeit. Die folgenden Beiträge können auch als weitere Belege hierfür verstanden werden.

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