Die Passion Christi – Mel Gibsons skandalöse Publikumsbeschimpfung

Mel Gibson – Sadistischer Antisemit?

Was wollte sich ‚Mad Max’-Mel mit seinem zweistündigen Jesusfilm verdienen? Das ewige Paradies oder doch 350 Millionen US-Dollar? Nur Letzteres ist ihm bisher sicher. Die Kritik hätte ihm nach der Premiere (2004) wohl keines der beiden gegönnt. Im Wesentlichen beschränkte man sich auf die zwei Vorwürfe des Antisemitismus und des Zuviels an Gewaltdarstellung. Tatsächlich erscheinen die jüdischen Figuren als die stereotype dunkle Gemeinschaft, der Hohepriester als klassischer Filmbösewicht. Auch der Gewaltvorwurf lässt sich vertreten, denkt man an Kreuzweg, Auspeitschung, Kreuzigung, also an den gesamten Film. Ob der überzeugte Christ Gibson aber Antisemit und Gewaltfreund ist, sollen andere entscheiden. Die Debatte darum ist von den starken emotionalen Reaktionen des Publikums unterfüttert und nicht zuletzt deshalb entscheidender Faktor für das stattliche Einspielergebnis. Doch verletzte Gefühle und erwartbare Erschütterung taugen nicht als Grundlage für eine Auseinandersetzung. Auch von mir wird es kein freundliches oder gnädiges Fazit für den Unfug geben, aber nicht, weil er diskriminierend, brutal und historisch ungenau ist. Filmische Merkmale allein reichen aus, um den gewollten Skandal als miserables Machwerk zu entlarven.

Alles vorhersehbar

Es ist leicht, über diesen Film zu schreiben, ohne zu viel zu verraten, denn das erlaubt er nicht. Selbstverständlich kennt der Zuschauer Handlung und Ausgang: Jesus wird verraten, verurteilt, gefoltert, gekreuzigt, erlöst. Was also hinzugeben, um keine völlig belanglose Bebilderung des Bibeltextes zu bieten? Die Antwort des Regisseurs und Drehbuchautoren: Nichts. Es gelingt, sich zwei Stunden lang um jede Reflexion, jede Überlegung, jedweden Geist herumzudrücken, indem jede Möglichkeit in der hässlichen Leidästhetik ertränkt wird. Stattdessen bedient man sich eines stupiden, vollkommen unkontroversen Reiz-Reaktion-Schemas. Römische Folterknechte lachen – Zorn, Maria weint – Mitgefühl, Judas erhängt sich – Gott sei Dank. Wenn Jesus seinen Vater am Kreuz um Vergebung für die, die nicht wissen, was sie tun, bittet, zeigt sich die genannte Leerstelle, wo Geist sein könnte, besonders deutlich. Bibelpassagen über Vergebung und Versöhnung werden lediglich zitiert, in keinem Moment aber ernstgenommen oder aufgearbeitet. Der Zuschauer, der sich in seinen gelenkten Reaktionen empört, vergibt nicht. Eine Katharsis sollte man nicht erst suchen, Mel Gibsons Werk zeigt nur, denkt aber nicht und lässt auch nicht denken. ‚Die Passion Christi’ ist damit eine Beleidigung an den Verstand des Publikums, ohne dies zugeben zu können, weil er ihn aberkennt. Zuschauer, die nicht wegen der Brutalität im Sessel oder im Heulkrampf herumrutschen, warten die volle Spielzeit über, dass etwas Unerwartetes, etwas Interessantes passiert, aber vergebens. Überraschend ist lediglich die Figur des Teufels, die jedoch in einer Art überrascht, dass man sich nur ärgert.

Hollywooddramaturgie und Musikvideoästhetik

Es überrascht kaum, dass die grausamen Bilder gerade in Fanvideos zu Black Metal Verwendung finden. Zu mehr taugen sie leider nicht. In seiner Ästhetik erinnert ‚Die Passion Christi’ an die schrecklichen Remakes von Markus Nispel, wie etwa ‚Pathfinder’ oder ‚Conan’: Düsternis mit Gewaltakzent, Horror mit Hochglanzpolitur. Ermüdende, stilistisch irrelevante und nichtssagende Zeitlupen rufen „Kunst!“, verleugnen sich in ihrer Bedeutungslosigkeit selbst. Die Kamera stimmt ein, wenn sie um unkonventionelle, dezentrierende Einstellungen bemüht ist, dabei aber weder unkonventionell noch dezentriert wirkt, sondern lediglich bemüht. Besonders bezeichnend ist, wenn die Kamera über das Kreuz herabfährt und eine herrliche Tiefenunschärfe genau anzeigt, wie scharfsinnig der Film in die Tiefe geht. Schicki-Micki-Bildeffekte machen aus einem belanglosen Hollywoodschund noch keine Kunst. Sie versuchen nur zu übertünchen, dass es auf dramaturgischer Ebene ähnlich spannend zur Sache geht. Jesus leidet, der Zuschauer ist erschüttert. Jesus leidet mehr, der Zuschauer ist noch erschütterter. Auf diese Weise steigert man sich bis zum Tod am Kreuz, die Auferstehung wirkt nur noch wie ein Nachklapp zum Abspann in Fortsetzung-folgt-Optik. Unterbrochen wird der leidige Steigensweg durch unmotivierte Rückblenden, die nicht mehr als ein bisschen Bibelkunde für den Laien als Fußnote zu den Qualen darstellen und Abwechslung bieten, damit man nicht so leicht bemerkt, wie uninspiriert und langweilig das Ganze ist. Die Szenen aus der Hölle und mit der Teufelin scheinen nicht nur fehl am Platz, sie sind es. Nicht nur, dass die Figur wie eine Anhängerin Saurons oder Lord Voldemorts daherkommt, stört immens. Die allzu schlichte Antithetik zwischen Gut und Böse, die vor allem sie trägt, spielt inhaltlich überhaupt keine Rolle, sondern hat nur die Funktion, dem Zuschauer seinen Platz zuzuweisen und sein Bedürfnis nach klarer Unterscheidbarkeit zu befriedigen. Sie ist nur ein Sidekick in einem Spannungsbogen, der sich wie in schlechten Horrorfilmen am immer größer werdenden Leid der Figuren festmachen lässt. Gibson wagt bildsprachlich und dramaturgisch nichts. Hätte er den Tabubruch mal lieber hier gesucht statt in der Gewaltdarstellung. Vielleicht wäre dann nicht so ein konventioneller Hollywoodschmarrn daraus geworden.

Wie es wirklich war

Einen Tabubruch – jedenfalls für den US-Kinogänger – gibt es aber doch noch: Die vermeintliche Originalsprache mit Untertitel. Wie in ‚Apocalypto’ sollen dem Zuschauer in der Regel fremde Sprachen für Authentizität sorgen. Es ist so, wie es war. Tatsächlich legt man aber nur in der Gewaltdarstellung auf möglichst überzeugende ‚Echtheit’, denn nicht einmal die gewählten Sprachen decken sich mit der historischen Realität. Die Musikvideoästhetik, die Kamerafahrten aus der Hölle und nicht zuletzt die episch-pathetische Filmmusik stehen dem Wahrheitsanspruch entgegen, sie sprechen sich sogar für das glatte Gegenteil aus. Ob Jesus in Wirklichkeit auch in Zeitlupe ausgepeitscht wurde, darf bezweifelt werden. Auch die Schauspieler wehren sich gegen Authentizität. Besonders die heilige Jungfrau Maria, aber auch die römischen Henker und die Teufelin sehen aus wie Hollywoodmimen, die Emotionen zeigen sollen. Sie bedienen müde das erwähnte Reiz-Reaktion-Schema anstatt nach der conditio humana zu fragen, wie es etwa in Dreyers ‚Die Passion der Jeanne D’Arc’ meisterlich gelingt. Falls doch jemand meint, der Film sei ‚realistisch’, kann er sich offenbar nur auf die Gewaltbilder beziehen, denn alles andere gleicht eher einer Fantasy-Schauermär.

Wer wird denn da gleich heulen?

In der Tat geizt Gibson nicht mit Blut, Hautfetzen und Schmerzensschreien. Viele Kinobesucher waren daher verstört, weinten oder reagierten anderweitig erschüttert. Doch dieser Effekt wird, wie gezeigt, nicht durch intelligente Technik, guten Stil oder unerträglichem Realismus hervorgerufen, sondern allein durch die Quantität an Leid und Gewalt. Es übersteigt die üblichen Sehgewohnheiten, dass jemand neun Minuten lang ausgepeitscht wird, und doch ist es unangenehm konsumierbar und leicht erträglich, wenn man sich nicht überrumpeln lässt. Man spart nicht an Schnitten auf Maria, auf Pilatus, auf die Teuflin, auf die Umstehenden, wenn Jesus leidet, damit das Publikum nicht überfordert wird, sondern einmal wegschauen darf, ohne die Augen abzuwenden. Nahaufnahmen und die pseudokünstlerische Kamera tun ihr Übriges. Nein, die Gewalt schmeckt nicht gut, aber sie verstört allerdings nicht, sondern ekelt lediglich. Der Zuschauer leidet nicht unter dem Schrecklichen – wie etwa in ‚Irreversible’ oder ‚Funny Games’ – sondern erschreckt sich, ekelt sich wie in einem Horrorfilm, um bei der nächsten Rückblende beruhigt nach dem Popcorn greifen zu können. Eine Relevanz oder einen Gegenwartsbezug leitet daraus freilich keiner ab, es gibt keine Reflexion über Gewalt. Außer der leeren Tüte Popcorn nimmt der Kinogänger nichts mit als ein „Ganz schön schlimm war das damals.“

Der konventionelle Skandal

Von den zwei Kontroversen um Gewaltdarstellung und Antisemitismus, war die erste ein wohl bewusster Marketingschachzug. Als regelrechte Mutprobe unter dem Vorwand, einmal sehen zu wollen, ‚ob er wirklich so schlimm ist’, hat der Film sicher viele angelockt. Doch in seiner Machart ist ‚Die Passion Christi’ furchtbar konventionell, erwartbar, einfallslos und langweilig. Die junge Generation, die sich an DVD-Abenden bei ‚Hostel’ und ‚Saw’ das Mischbier auf die Hose schüttet, dürfte sich kaum erschrecken. Zu erträglich, zu konsumierbar ist das Leid Jesu gefilmt und geschnitten. Dass Mel Gibsons Jesusfilm heute kaum noch interessiert, die Debatte schnell verklungen ist und der Schund seinen Erlösungsweg in die Bedeutungslosigkeit schnellen Schrittes vollzieht, dürfte daher kaum überraschen. Bezeichnend, dass ‚Die Passion Christi’ am vergangenen Karfreitag nur auf dem Bezahlfernsehsender ‚Sky Emotion’ zu sehen war.

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