Mr. Bean – Eine tragikomische Serie?

Ein komischer Stummfilm? Rowan Atkinsons Mr. Bean ist die vielleicht populärste Stummfilm-Serie der 80er und 90er Jahre. Es gibt keinen Wortwitz, keine flapsigen Sprüche und wenn sich der Mund überhaupt einmal zum Sprechen bewegt, verstehen wir meist kein Wort. Die Komik von Mr. Bean fußt allein auf die unverwechselbare Gestik und Mimik, die sich in verschiedensten Ausprägungen so oft wiederholt, dass nahezu alle Bewegungen als Running Gag verstanden werden können. Auch bestimmte Handlungselemente kommen häufig vor: der unbeantwortete Wettstreit und das Überbieten-Wollen, die übersteigerte Reaktion auf Probleme, die sich schlussendlich als Scheinprobleme entlarven und viele mehr. Doch was sagt diese ständige Wiederholung in allen Hinsichten über die Serie, was über den Zuschauer aus? Ist der Zuschauer so anspruchslos, stets über geringfügig variierte Konstellationen lachen zu können? Oder ist Mr. Bean vielleicht mehr als die Filmfigur, über die wir uns amüsieren können? Hat er gar Verweischarakter? Das alles führt zu der zentralen Frage, welche die Serie ganz bewusst ausklammert: Wer ist Mr. Bean überhaupt?


Dinge, die jeder kennt Jede Folge der Serie reiht scheinbar beliebige Ausschnitte aus dem Alltag eines Mr. Bean aneinander. Der Zuschauer erfährt keinerlei biographische Details oder Hintergründe, sondern wird stets mit Vorgängen konfrontiert, die in ihrer harmlosen Ausgangssituation jeder erleben könnte (der Einkauf, der Kirchgang, die Klausur, etc.) und vermutlich die meisten schon erlebt haben. Dann aber eskaliert das Geschehen. Mr. Bean zeigt uns nicht wie ernüchternd einfallslose Internet-Clips ‚Dinge, die jeder kennt‘, sondern treibt eben diese auf eine komisch-peinliche Spitze, welche uns im Regelfall erspart bleibt. Zu Beginn ist Mr. Bean also stets ‚einer von uns‘, sondert sich dann in seiner Sonderbarkeit aber von uns ab. Oder umgekehrt? Erklärt sich die Komik Mr. Beans nicht gerade dadurch, dass sich der Zuschauer von den peinlichen Verfehlungen der Figur abgrenzen kann? Wenn man ehrlich zu sich ist, sind ‚Dinge, die jeder kennt‘ nicht wirklich lustig. Es reicht bestenfalls für ein wiedererkennendes Lächeln, weil wir uns an uns selbst erinnert sehen. Mr. Bean dagegen erinnert uns nicht an uns – wir sind froh, nicht wie er zu sein. Ist er also ein Antitypus, ein abschreckendes Beispiel? Diese Deutung ist sicher plausibel und berechtigt. Wir lachen auch nicht mit ihm, denn er lacht nicht, sondern über ihn, weil er sich – der Sonderling, der von Konventionen unwillentlich Abweichende – blamiert. Wird aber damit nicht auch hinterfragt, worüber wir uns lustig machen? Und auf der anderen Seite: Zeigt uns dieses Lachen nicht auch, wie sehr wir selbst an Konventionen gebunden sind, weil uns ihre Übertretung so lächerlich vorkommt? Die Figur Mr. Bean ist kein Anarchist, er will nicht unkonventionell sein. Schon sein Erscheinungsbild und auch die Alltäglichkeit der Handlungen, an denen er scheitert, weisen darauf hin, dass ihm alles daran gelegen ist, sich in die Gesellschaft einzufügen und um keinen Preis gegen ihr informelles Verhaltensgesetz zu verstoßen. Besonders deutlich wird diese zwanghafte Regelgebundenheit in Tee Off Mr. Bean, wenn er auf Anweisung des Minigolfplatzbetreibers den Ball selbst unter den absurdesten Umständen nicht mit der Hand berührt, sondern stets mit dem Schläger spielt. Die Serie plädiert damit nicht gegen Konventionen, sondern zeigt auf, dass situativ Regeln überschritten werden müssen, um nicht völlig vernunftlos zu handeln. Ich könnte mich noch viel weiter in eine Allegorese der Serie in ihrer Aussage über den Zuschauer verlieren, möchte es aber nun bei diesen Denkanstößen belassen und mich auf die eingangs gestellte Frage, von der ich zugegebenermaßen etwas abgekommen bin, zurückbesinnen:


Wer ist Mr. Bean? So facettenreich die Aussagen der  Figur über den Zuschauer und die Konventionen sein mögen, so wenig erfahren wir doch von der Figur selbst, zumindest scheinbar. Die Serie klammert den biographischen Aspekt bewusst aus, um das schwere tragische Element, das zwar für die Komik notwendig ist, ihrer Realisierung aber Abbruch täte, würde es zu stark zu Tage treten. Mr. Bean, der versucht, sich in die Gesellschaft zu integrieren, Freundschaften zu schließen (z.B. Sylvester-Episode, Kinobesuch) und eben nicht der Sonderling zu sein, zu dem ihm sein Ungeschick und seine Unwissenheit bezüglich mancher Konventionen machen, scheitert an all diesen Versuchen. Tatsächlich ist er ein Ausgeschlossener, von dem sich zum einen sämtliche Figuren, denen er begegnet, distanzieren, aber von dem sich gerade auch der Zuschauer distanziert, der damit in seiner Fähigkeit zur Empathie hinterfragt wird. Wie mit Mr. Bean umgegangen wird, würde bei einem Realfall einer Mobbing-Diskussionsrunde vermutlich harsch kritisiert werden. Seine Verabredung wendet sich von ihm ab und schnappt sich kurzerhand den nächsten. Seine Gäste an Sylvester stellen die Uhr vor und ‚belohnen‘ damit seine gastfreundlichen Bemühungen. Dürfen wir so mit anderen umgehen, nur weil sie bei ihrem Versuch an Konventionen scheitern? Ob Mr. Bean Verwandtschaft hat, geht aus der Serie nicht hervor, der Katastrophenfilm thematisiert allerdings sein Alleinsein und die Bedeutung einer Familie. Hier wird das tragische Element überdeutlich und tatsächlich musste ich als Kind bei meiner ersten Sichtung des Films am Ende weinen, weil Mr. Bean zuletzt allein, nur mit seinem Bären im Bett liegt und trotz aller Widrigkeiten, die ihm sein Besuch bei der Familie brachte, diese Gemeinschaft zu vermissen scheint. Zugunsten des Amüsements verschleiert die Serie diesen Aspekt, leugnet ihn aber auch nie. Dass Mr. Bean nur mit seinem Teddy zusammenlebt, erscheint in der Serie eher sonderlich und weniger traurig, obgleich das Einschlafen im Einsamkeit auch hier häufig gezeigt wird. Wir können daher folgern, dass Mr. Bean auch in der Serie, in deren Paradigma sich der Film einreiht, keine Familie hat. Sind im Film die Schlussszene und die Bildinterpretation des zerstörten und ‚wiederhergestellten‘ Gemäldes die zentralen Stellen, an welchen die Problematik verhandelt wird, möchte ich in der Serie besonders die Episode erwähnen, in der Mr. Bean in einem noblen Lokal seinen Geburtstag feiert (siehe oben). Er schreibt sich selbst eine Geburtstagskarte, positioniert diese auf dem Tisch und öffnet sie dann nach kurzem Umherschauen gespielt überrascht darüber, wer ihm diese schöne Karte geschenkt hat. Aus dem Off ertönt Lachen. Doch jedes Mal frage ich mich, was genau hier das komische Element sein soll. Die gezeigte Figur ist so vereinsamt, dass sie trotz Erwachsenenalters einen Teddy vermenschlicht und sich in der genannten Szenen sogar selbst eine Karte schreibt, damit also die Ein-Mann-Gesellschaft oder besser die Gesellschaft mit sich selbst offenbar werden lässt. Es ist kontrapunktisch zu Tristan und Isolde, die in der Minnegrotte eins werden und keine weitere Gesellschaft brauchen: Mr. Bean macht aus sich zwei und drückt damit eben sein Bedürfnis nach Gesellschaft aus. Sich in eine solche einzubinden, gelingt ihm aber nie. In einer Welt voller Individuen wird der tatsächlich Individuelle verstoßen, weil er auf andere Weise individuell ist. Und „auf andere Weise individuell“ sein zu können, das ist schon ordentlich paradox. Wir sollten nicht über Mr. Bean weinen, aber auch nicht über ihn lachen, sondern über die Figuren, die ihn umgeben und deren regelgerechte Individualität, an die sich Bean zwar anpassen möchte, in seinem Scheitern aber tatsächlich individuell wird. Mr. Bean sollte uns nicht zum Lachen bringen, weil wir uns so viel angepasster fühlen, sondern weil es ihm gelingt, die Engstirnigkeit und die humorlose Intoleranz der ihn Umgebenden komisch vorzuführen. Es bleibt zu hoffen, dass die Gesellschaft, in der er nicht lebt, nicht auch die Gesellschaft ist, in der wir zu leben versuchen. Ein wertvoller Schritt wäre gewiss, gerade für den Sonderbarsten der Sonderbaren ein wenig Empathie zu empfinden – für Mr. Bean.

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